Ausgabe Oktober 1990

Sozialismus im Kyffhäuser?

Der Untergang der DDR begründet schon jetzt so etwas wie eine (sehr deutsche) Dolchstoßlegende der Linken. Der in der DDR zu Bruch gegangene Surrealsozialismus (schließlich war die DDR vor dem Fall der Mauer ein laut Lafontaine "führendes Industrieland"!) sei nicht an seinen eingebauten Systemfehlern gescheitert, sondern an Fremdeinflüssen von außen: am konsumorientierten Materialismus der Massen, der über den werteorientierten Idealismus sozialistischer Planung und Theorie gesiegt habe, also letztlich am schnöden Mammon, symbolisiert und realisiert erst durch die heimliche, dann durch die offizielle Einführung der DM.

Doch gemach - eine verlorene Schlacht ist noch kein verlorener Krieg. Weder folge der DM-Einführung das erhoffte Wirtschaftswunder auf dem Fuße, ganz im Gegenteil der von Lafontaine und vielen Experten richtig und rechtzeitig vorausgesagte Katzenjammer einer rigorosen und gnadenlosen Anpassungskrise mit horrender Massenarbeitslosigkeit.

Noch bestehe Grund am ältesten Lebensgesetz und -zyklus des Kapitalismus zu zweifeln, seiner Unfähigkeit fehlende Gerechtigkeit durch überbordende Effizienz zu korrigieren und zu kompensieren.

Oktober 1990

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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