Ausgabe November 1991

Das Jahr Eins ist vorbei

Langsam begreift es das Ausland. Deutschland ist feige geworden. Ganz anders als befürchtet.

So ist es ihnen auch wieder nicht recht. Im Golfkrieg: Lieber die Rechnung mit verdoppeltem Trinkgeld bezahlen als mit dem Säbel zur Bagdadbahn stürmen. In Jugoslawien: Wir sind unbedingt dafür, dort Truppen hinzuschicken, aber selbst den Sheriffsposten zu übernehmen, erlaubt uns leider unsere Verfassung nicht. In Hoyerswerda: Der Rechtsextremismus ist gewalttätig, aber feige und defensiv. Er will nicht fremde Länder erobern, sondern die Fremden heraushalten. Die Sozialbezüge sollen nicht für sie da sein, sondern für uns. Kein Politiker sagt ihnen laut und fernsehdeutlich, daß "Ausländer" mehr in die soziale Kasse zahlen, als sie aus ihr entnehmen. Die Schläger setzen sich auch lieber mit Frauen und Kindern am Stadtrand auseinander als mit bewaffneten Feindtruppen im Orient. Ich höre hier in Harvard viele politische Vorträge. Daß Deutschland sich seinen Verpflichtungen entziehen könnte, ist hier die größere Befürchtung, als daß es wieder Kanonenboote ausschicken könnte. Daß es seine überlegene Macht nicht einsetzen könnte. Die USA, sagt ein kluger Analytiker hier, sind die letzte Supermacht, eine mit Klumpfuß und leerem Geldbeutel.

November 1991

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