Ausgabe November 1991

Das Jahr Eins ist vorbei

Langsam begreift es das Ausland. Deutschland ist feige geworden. Ganz anders als befürchtet.

So ist es ihnen auch wieder nicht recht. Im Golfkrieg: Lieber die Rechnung mit verdoppeltem Trinkgeld bezahlen als mit dem Säbel zur Bagdadbahn stürmen. In Jugoslawien: Wir sind unbedingt dafür, dort Truppen hinzuschicken, aber selbst den Sheriffsposten zu übernehmen, erlaubt uns leider unsere Verfassung nicht. In Hoyerswerda: Der Rechtsextremismus ist gewalttätig, aber feige und defensiv. Er will nicht fremde Länder erobern, sondern die Fremden heraushalten. Die Sozialbezüge sollen nicht für sie da sein, sondern für uns. Kein Politiker sagt ihnen laut und fernsehdeutlich, daß "Ausländer" mehr in die soziale Kasse zahlen, als sie aus ihr entnehmen. Die Schläger setzen sich auch lieber mit Frauen und Kindern am Stadtrand auseinander als mit bewaffneten Feindtruppen im Orient. Ich höre hier in Harvard viele politische Vorträge. Daß Deutschland sich seinen Verpflichtungen entziehen könnte, ist hier die größere Befürchtung, als daß es wieder Kanonenboote ausschicken könnte. Daß es seine überlegene Macht nicht einsetzen könnte. Die USA, sagt ein kluger Analytiker hier, sind die letzte Supermacht, eine mit Klumpfuß und leerem Geldbeutel.

November 1991

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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