Ausgabe September 1992

Die verstummte Soziologie

Vom Verlust sozialwissenschaftlicher Urteilskraft in Deutschland

Es ist still geworden um die Soziologie. Die letzte soziologische Deutungsfloskel, die von der Risikogesellschaft, verhallt wie Hohn in den neuen Bundesländern. Die beiden großen theoretischen Entwürfe der neueren deutschen Soziologie bewähren sich im Vereinigungsprozeß nicht. Habermas' Theorie der kommunikativen Kompetenz wird der sozialen und wirtschaftlichen Not in den östlichen Lebenswelten kaum ihre Sprache andienen können. Luhmanns Systemtheorie verbreitet eine Grundstimmung existentialistischer Entfremdung, die ihre ursprüngliche Intention, entfremdete bürokratisch-organisatorische Problemlösungshandlungen zu erleichtern, längst desavouiert. Die westdeutsche Soziologie hat seit den 70er Jahren eine wechselvolle Geschichte durchlaufen. Nach Hoffnungen aus den Anfängen der sozialliberalen Koalition, die Soziologie könne zu einer etablierten Politikberatungswissenschaft in Sachen Lebensqualität (Sozialindikatorenbewegung), Strukturpolitik ("Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel") und nicht zuletzt in Sachen Abfederung der sozialen Folgen von Rationalisierung und Automatisierung (Aktionsprogramm "Humanisierung der Arbeitswelt") werden, wird längst von ihrer Krise gesprochen.

September 1992

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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