Zu Italiens "sanfter Revolution" (vgl. meinen Beitrag im Maiheft der "Blätter") hat die Arbeit der Justiz gewiß entscheidend beigetragen. Mit ihrer im Volksmund so genannten Operation "Saubere Hände" legte sie offen, wie vor allem die "Blockparteien" (der seit fast einem halben Jahrhundert herrschende Regierungsblock um die Christdemokraten) zu kriminellen Vereinigungen verkommen waren, wie sie die Politik zum Geschäft gemacht hatten und sich mit Staats- und Steuergeldern ein schönes Leben machten. Seinen Anteil an dem italienischen Umsturz hat zweifellos auch, daß mit dem Wegfall des äußeren Feindes im Osten der Blick geschärft wurde für die Verhältnisse im Innern und die Probleme des Landes aus einer anderen Optik heraus analysiert wurden. Ebensowenig darf der Beitrag außer Acht gelassen werden, den gesellschaftspolitisch progressive (transversale) Kräfte schon vor '89 und verstärkt danach geleistet haben, indem sie dieses im "Kalten Krieg" gewachsene und konsolidierte Herrschaftssystem bloßstellten und sowohl an der "Korruptionsfront" im Norden wie an der "Mafiafront" im Süden des Landes angriffen.
Alle paar Jahrzehnte erlebt Europa einen Moment, an dem seine politischen Strukturen nicht mehr in die Zeit passen. Diese Momente haben die EU zu dem gemacht, was sie heute ist.