Ausgabe April 1994

Gralshüter der Nation

Konservative Deutschlandpolitik hat schon immer viel mit Heuchelei zu tun gehabt. Das war bei Adenauer so, das ist bei Kohl nicht anders. Die Taktik war stets die gleiche: Verdächtigungen ausstreuen, Ängste schüren, den politischen Gegner der Kollaboration mit den Kommunisten bezichtigen. Das stabilisiert die eigenen Reihen, stärkt das politische Überlegenheitsgefühl, identifiziert die eigene Partei mit der Nation und drängt die anderen an den Rand, in die nationale Unzuverlässigkeit. In den 50er Jahren wurden wieder und wieder Sofortprogramme zur Wiedervereinigung Deutschlands geschmiedet und nach gewonnener Wahl in den Papierkorb geworfen. Manches Dossier wurde in die Öffentlichkeit lanciert, in den 60er Jahren gegen Willy Brandt, in den 70ern gegen Herbert Wehner, in jüngster Zeit gegen beide Akteure von einst und neuerdings gegen Johannes Rau. Feindbilder müssen her, an die die Leute wenigstens so lange glauben, bis die Wahl vorüber ist. Was ist das Ziel? Die CDU als einzige national verläßliche Partei zu präsentieren, die von Adenauer bis Kohl nichts anderes im Sinn hatte, als die Einheit der Nation wiederherzustellen, gegen die Kommunisten versteht sich, gegen die mit ihnen angeblich offen oder im verborgenen paktierenden, in jedem Falle bewußt oder unbewußt die Geschäfte Moskaus besorgenden Sozialdemokraten.

April 1994

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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