Ausgabe April 1994

Gralshüter der Nation

Konservative Deutschlandpolitik hat schon immer viel mit Heuchelei zu tun gehabt. Das war bei Adenauer so, das ist bei Kohl nicht anders. Die Taktik war stets die gleiche: Verdächtigungen ausstreuen, Ängste schüren, den politischen Gegner der Kollaboration mit den Kommunisten bezichtigen. Das stabilisiert die eigenen Reihen, stärkt das politische Überlegenheitsgefühl, identifiziert die eigene Partei mit der Nation und drängt die anderen an den Rand, in die nationale Unzuverlässigkeit. In den 50er Jahren wurden wieder und wieder Sofortprogramme zur Wiedervereinigung Deutschlands geschmiedet und nach gewonnener Wahl in den Papierkorb geworfen. Manches Dossier wurde in die Öffentlichkeit lanciert, in den 60er Jahren gegen Willy Brandt, in den 70ern gegen Herbert Wehner, in jüngster Zeit gegen beide Akteure von einst und neuerdings gegen Johannes Rau. Feindbilder müssen her, an die die Leute wenigstens so lange glauben, bis die Wahl vorüber ist. Was ist das Ziel? Die CDU als einzige national verläßliche Partei zu präsentieren, die von Adenauer bis Kohl nichts anderes im Sinn hatte, als die Einheit der Nation wiederherzustellen, gegen die Kommunisten versteht sich, gegen die mit ihnen angeblich offen oder im verborgenen paktierenden, in jedem Falle bewußt oder unbewußt die Geschäfte Moskaus besorgenden Sozialdemokraten.

April 1994

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