Konservative Deutschlandpolitik hat schon immer viel mit Heuchelei zu tun gehabt. Das war bei Adenauer so, das ist bei Kohl nicht anders. Die Taktik war stets die gleiche: Verdächtigungen ausstreuen, Ängste schüren, den politischen Gegner der Kollaboration mit den Kommunisten bezichtigen. Das stabilisiert die eigenen Reihen, stärkt das politische Überlegenheitsgefühl, identifiziert die eigene Partei mit der Nation und drängt die anderen an den Rand, in die nationale Unzuverlässigkeit. In den 50er Jahren wurden wieder und wieder Sofortprogramme zur Wiedervereinigung Deutschlands geschmiedet und nach gewonnener Wahl in den Papierkorb geworfen. Manches Dossier wurde in die Öffentlichkeit lanciert, in den 60er Jahren gegen Willy Brandt, in den 70ern gegen Herbert Wehner, in jüngster Zeit gegen beide Akteure von einst und neuerdings gegen Johannes Rau. Feindbilder müssen her, an die die Leute wenigstens so lange glauben, bis die Wahl vorüber ist. Was ist das Ziel? Die CDU als einzige national verläßliche Partei zu präsentieren, die von Adenauer bis Kohl nichts anderes im Sinn hatte, als die Einheit der Nation wiederherzustellen, gegen die Kommunisten versteht sich, gegen die mit ihnen angeblich offen oder im verborgenen paktierenden, in jedem Falle bewußt oder unbewußt die Geschäfte Moskaus besorgenden Sozialdemokraten.
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.