Ausgabe April 1994

Plädoyer für eine neue Ostpolitik

Gleichermaßen ratlos stehen BürgerInnen und PolitikerInnen in Ost und West vor einer grundlegend neuen Situation. Die Auflösung der bipolaren Weltordnung hat ungeahnte Konsequenzen. Besonders in Europa werden sie offenkundig, da hier der Ost-West-Gegensatz seine augenscheinlichsten und seine tiefsten Wirkungen hatte. Eine jahrzehntelange Fixierung auf diesen Gegensatz, aber auch die reale Differenz der ökonomischen Systeme, haben auf beiden Seiten politisch-kulturelle Verhaltensmuster erzeugt, die heute trotz entschieden veränderter Realität weiterbestehen, quasi in der Luft hängend - oder die sich in Angst und fatalistische Orientierungslosigkeit verwandelt haben. In bestimmter Weise sind die Spannungsfelder zwischen dem (armen) östlichen und dem (reichen) westlichen Europa heute explosiver als zu den Zeiten, in denen sie im globalen Systemgegensatz sich ausdrückten und damit politisch kalkulierbar erschienen.

Die ehemals in der gegenseitigen Nukleardrohung symbolisch gebündelte bipolare Ost-WestSpannung ist heute aufgelöst, erscheint aber neu in Gestalt multipolarer Gegensätze und real existierender Bürgerkriege im Osten sowie zunehmender Angst vor Sozialabbau, "Überfremdung" und gesellschaftlicher Destabilisierung im Westen.

April 1994

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema