Ausgabe Juli 1994

Die Konstruktion der Bedrohung.

Innere Sicherheit in der Bundesrepublik

Die Beschwörung des Bösen boomt. "Organisierte Kriminalität" und Gewaltverbrechen drohen unsere Gesellschaft zu zerstören. Hundertfach wurden die Zustände beschrieben, illustriert und kommentiert. Der Meinungsbildungsprozeß - besser die Konstruktion von Wirklichkeiten - ist abgeschlossen, und die Gesellschaft wird zur Geisel ihrer eigenen Untergangsphantasien. Mißtrauen und Angst vor dem Nächsten greifen um sich. Anwohner eines Atomkraftwerks fürchten heute mehr das "kolumbianische Drogenkartell" als die Strahlenbombe vor ihrer Haustür. Bürger fordern den Staat auf, mehr für ihre Sicherheit zu tun, und setzen die Politiker unter Zugzwang, Denn entsteht der Eindruck, daß der Staat den Bürgern die öffentliche Sicherheit nicht mehr garantiert, bröckeln die Fundamente seiner Legitimität. Also reagiert die Politik.

"Innere Sicherheit" wird zu einem Schauplatz, auf dem Parteipolitiker ihren Wählern gegenüber Entschlossenheit bekunden können, endlich die Muskeln der Sicherheitsorgane spielen zu lassen, Sonderkommissionen, Gefängnisneubauten, Anti-Gewalt-Programme und kostspielige Überwachungssysteme werden beschlossen, Unhinterfragt bleibt, ob dabei auf reale Zustände reagiert wird oder lediglich auf Legitimationsdefizite.

Juli 1994

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