Ausgabe August 1996

Eingefleischter Wahnsinn

Die Supermarktregale in den Überflußgesellschaften des Westens strotzen vor Auswahl: meterweise Knabberwaren, tiefgefrorene Pizzen, exotische Früchte, Fertigsoßen aus aller Welt, Mehl-, Quarkund Nußspeisen, und - ja - eine riesige Fleischabteilung: Frischfleisch, Gefrierfleisch, Dosenfleisch, Wurstwaren, Schafsfleisch aus Neuseeland, Gänsekeulen aus Polen, Vogelstraußsteaks aus Südafrika, ofenfertige Wachteln auf Styroporunterlage. Die Üppigkeit der heutigen europäischen Eßkulturen repliziert sich in den Kühlschränken der Haushalte in Stadt und Land, in den Speisekarten entlegener schottischer, belgischer und deutscher Gaststätten, in den Programmen flinker Fernsehköche, in den Rezeptseiten von Frauenzeitschriften und nicht zuletzt in der Beleibtheit wachsender Teile der Bevölkerung. In dieses Paradies, wo die Prinzipien von Geschmack, Abwechslung, Experiment, Snobismus und Bequemlichkeit, nicht aber Bedürfnis herrschen, dringt plötzlich eine schauderhafte Ungewißheit über den Konsum einer bestimmten Fleischsorte: es bestehe der Verdacht - so hieß es in einer Verlautbarung des britischen Gesundheitsministers am 20.

August 1996

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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