Eine Herzoperation scheint das wichtigste Ereignis der russischen Politik in der zweiten Hälfte dieses Jahres zu werden. Am 3. Juli 1996 haben die Wähler in Rußland mit Bons Jelzin einen Mann zum Präsidenten gewählt, der nicht handlungsfähig ist, da er kurz vor dem Wahltermin einen schweren Infarkt erlitten hat. Statt wenigstens einige der drückenden Probleme anzugehen - die schwere Wirtschaftskrise, den Zerfall der sozialen Sicherungen und des Gesundheitssystems, die Staatskorruption, die bewaffneten Konflikte im Kaukasus und in Zentralasien -, beschäftigt sich das politische Moskau vordringlich mit der Frage der Nachfolge des Präsidenten. Die Mächtigen konsolidieren ihre Position, suchen nach Bündnispartnern für die kommenden Diadochenkämpfe und beobachten die Aktionen potentieller Konkurrenten voller Argwohn. Die schwere Erkrankung des Präsidenten beleuchtet schlaglichtartig das Durcheinander in der Moskauer Führungsspitze. Gegensätze zwischen den Einflußgruppen treten hervor. Die Entscheidungsschwäche im Machtzentrum macht sich bemerkbar. Eine klare politische Strategie ist nicht zu erkennen. Diese Phänomene sind nicht neu seit mehr als zwei Jahren ist der Kurs der Jelzin-Administration voller Widersprüche -, aber sie werden nun unübersehbar.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.