Ausgabe Juli 1998

Kosovo: Verhängnisvoller Wettlauf

Die Kriege in Kroatien und in Bosnien hätten wahrscheinlich vermieden werden können, wenn die internationale Gemeinschaft von Anfang an glaubwürdig mit der Anwendung von Gewalt gedroht hätte. Sie konnte aber nicht glaubwürdig drohen, weil wesentliche Voraussetzungen fehlten: Was sich da in Jugoslawien ereignete, wurde höchst unterschiedlich eingeschätzt und bewertet; welches politische Ziel eine ausländische Intervention haben sollte, war umstritten; ein Mandat des Weltsicherheitsrates wäre nicht zu bekommen gewesen. Die Voraussetzungen fehlen auch im Fall des Kosovo: Weder hat die Welt ein politisches Konzept für die Region, noch herrscht Konsens über die Bewertung der Vorgänge dort, und ein Mandat des Weltsicherheitsrates für ein Eingreifen ist wieder nicht erhältlich. In dieser Lage hat sich die NATO darauf verlegt zu bluffen. Oberste Richtschnur diplomatischen Handelns ist in diesen Tagen, die Fehler in Bosnien nicht zu wiederholen. Dafür begeht man den einzigen Fehler, der in Bosnien vermieden wurde: nämlich mit militärischer Intervention zu drohen, ohne die Drohung wahrmachen zu können.

Schon das Kosovo-Problem selber ist in seiner aktuellen Form die Frucht fatalen diplomatischen Eingreifens.

Juli 1998

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Die neue Merz-Doktrin?

von Jürgen Trittin

Jahrzehntelang durfte in keiner Grundsatzrede eines deutschen Politikers in Regierungsverantwortung der Satz fehlen: „Wir setzen auf die Stärke des Rechts statt auf das Recht des Stärkeren.“ Doch das war einmal. Bundeskanzler Merz‘ lautstarkes Räsonieren über den Krieg Israels gegen den Iran markiert den Bruch mit dieser Tradition.

Eigennutz statt Solidarität

von Klaus Seitz

Etwa eine Milliarde Euro weniger als im vergangenen Jahr steht dem Bundesentwicklungsministerium 2025 zur Verfügung. Doch nicht nur der Spardruck macht der Entwicklungszusammenarbeit zu schaffen, auch die strategische Neuausrichtung gefährdet ihre Zukunftsfähigkeit.

Besser als ihr Ruf: Die europäische Afrikapolitik

von Roger Peltzer

Schon unter Angela Merkel hat der afrikanische Kontinent in der deutschen Bundesregierung große politische Aufmerksamkeit erfahren. Die Ampelregierung setzt diesen Kurs fort: Seit seinem Amtsantritt reiste Bundeskanzler Olaf Scholz jedes Jahr nach Afrika.