Von Franz Ansprenger Unsere Vorfahren glaubten, am Ende des Regenbogens - da, wo er die Erde berührt - könne man ein goldenes Schüsselchen finden. Für die Südafrikaner die seit 1990 gern davon sprechen, ihre Zukunft als die einer Rainbow Nation zu gestalten, ist damit ein anderer, ein doppelter Wunsch verbunden. Die bunte Pracht des Regenbogens soll natürlich das Wunder einer plötzlich aufblühenden Harmonie zwischen den "Rassen", zwischen Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe symbolisieren. Schwarz und Weiß kommen bekanntlich im Spektrum des Regenbogens gar nicht vor. Aber so ganz "reinrassig" sind ja viele Südafrikaner auch nicht. Sei's drum, das Symbol fasziniert. Zweitens bedeutet für Juden und Christen und die Südafrikaner sind im Vergleich mit Europa ein ungemein religiöses Volk - der Regenbogen Versöhnung, den urzeitlichen Bund zwischen Gott und einer nach der Sintflut neubegründeten Menschheit. Acht Jahre nach dem kühnen Entschluß des damaligen Präsidenten De Klerk, die Apartheid über Bord zu werfen, und vier Jahre nach den ersten allgemeinen Wahlen, die das demokratische neue Südafrika begründeten, halten manche Kommentatoren das Ende des Regenbogens für erreicht. Man ist auf der Erde zurück, und die Landung ist etwas unsanft. Das goldene Schüsselchen liegt sicher irgendwo, denn die Schätze im Boden Südafrikas sind noch lange nicht erschöpft.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.