Ausgabe November 1998

Es galt nicht der gleiche Befehl für beide

Eine Entgegnung auf Romani Roses Thesen zum Genozid an den europäischen Juden, Sinti und Roma

Am 27. Januar 1998 sprach Yehuda Bauer, Direktor des Internationalen Forschungsinstituts für Holocaust-Studien am Yad Vashem in Jerusalem, im Deutschen Bundestag zum "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus". Er unterschied dabei den Holocaust vom NS-Völkermord an Sinti und Roma. Dagegen erhob Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, in den "Blättern" energischen Einspruch. (4/1998, S. 467 ff: "Für beide galt damals der gleiche Befehl") Nun meldet sich Yehuda Bauer seinerseits mit einer Entgegnung zu Wort, um eine - wie er sagt - überflüssige Debatte zu beenden. Beide "Blätter"-Beiträge sowie die voraufgegangene Bundestagsrede können auf unserer Website (http://www.blaetter.de) verglichen werden. - D. Red

Ich möchte zuerst feststellen, wo, anscheinend, Romani Rose und ich übereinstimmen.

E r s t e n s: was den Sinti und Roma 1) durch das nationalsozialistische Regime widerfuhr, ist ein Genozid gewesen. Die Frage nach der genauen Zahl der Opfer ist dabei nebensächlich, denn ob es sich um ca. 150 000 Opfer handelt, wie man aus dem Buch von Michael Zimmermann 2) entnehmen kann, oder zwei- oder dreimal soviel, wie von anderen behauptet wird, die NS-Politik gegenüber dem Volk der Roma fällt ganz klar unter die Völkermord-Definition der Vereinten Nationen von 1948. Dasselbe kann man über den Mord an den Juden sagen: ob es 5,1 Millionen (nach Raul Hilberg 3)) oder zwischen 5,29 und 6,01 Millionen (nach Wolfgang Benz 4)) Opfer waren, ändert nichts an der genozidalen Charakteristik der NS-Politik.

Z w e i t e n s ist festzustellen, daß die Motivation der Politik gegenüber den Roma eine rassisch-biologistische war - wie die gegen die Juden. Allerdings bestimmte diese rassistisch-biologische Ideologie die Einstellung der Nationalsozialisten zu allen Völkern. Polen, zum Beispiel, waren slawische Untermenschen, Juden waren die Gegenrasse, nicht eigentliche Menschen. Sogar gegenüber Verbündeten, wie z.B. den Italienern, praktizierte man eine rassenideologisch definierte Politik. Die "Zigeuner" wurden als eine Mischung von ursprünglich arischer Rasse mit den schlimmsten kriminellen Elementen der Völker, unter denen sie lebten, gesehen, so daß die seit Jahrhunderten gegen die Roma entwickelten Vorurteile in die rassistisch-biologistische Sicht integriert wurden.

D r i t t e n s steht ganz außer Frage, daß es keinen Unterschied zwischen Roma und Juden hinsichtlich des Leidens, das die Einzelnen beider - und aller - betroffenen Völker erleben mußten, geben kann. Nicht der Befehl war der gleiche, sondern die Qual der Opfer. Die Unterschiede ergeben sich hauptsächlich aus den verschiedenen Motivationen der Täter.

Für die Nationalsozialisten waren die Juden ein ganz zentrales Problem: der Hauptfeind, der hinter allen anderen Feinden steckte. Es gab, in der nationalsozialistischen Phantasie, eine jüdische Weltverschwörung, die sich gegen die arischen Völker, hauptsächlich gegen die Deutschen, richtete. Eine von Ariern beherrschte Welt konnte nicht zusammen mit den Juden existieren. Ihre Einstellung zu den Roma war ganz anders: Hitler z.B. erwähnte die Roma alles in allem zweimal in seinen überlieferten Schriften und Äußerungen, beide Male ganz am Rande. Außer Himmler befaßten sich die Nazi-Größen fast niemals mit den Roma. Es ist für die anti-humanistische Einstellung der Nationalsozialisten charakteristisch, daß für sie die sogenannte "Zigeunerplage" eine ganz nebensächliche Erscheinung war, die man allerdings auf nationalsozialistische Weise, gewalttätig, "lösen" mußte. Für die Nazis waren die Juden ganz zentral, die Roma nicht. Himmlers schwankende Stellungnahmen zu den Roma sind bezeichnend. Einerseits wollte er, den Anti-Roma-"Experten" folgend, das "Zigeunerproblem" "aus dem Wesen dieser Rasse" angreifen. Andererseits waren das doch keine Juden, also galt für sie das Prinzip, wenigstens theoretisch, daß der Nationalsozialismus alle Rassen als Rassen achtete. 5)

Die Roma waren also eine Art von Menschen, allerdings Untermenschen. Die Juden schauten zwar wie Menschen aus, waren es aber nicht ("Du bist kein Mensch, du bist ein Hund, du bist ein Jude" 6)). In diesem Zusammenhang sollte man auch den verrückten Versuch sehen, eine Minderheit der deutschen Sinti und Roma, die "Reinrassigen", besser zu stellen. Wie Zimmermann nachweisen konnte 7), überwand Himmler Martin Bormanns Einwand gegen die Besserstellung dieser "reinrassigen" Roma durch ein Gespräch mit Hitler; diesen Menschen sollte die Möglichkeit gegeben werden, außerhalb des Reichsgebietes in der althergebrachten Weise herumzuwandern, natürlich von der SS überwacht. Schließlich wollte man doch nicht reinrassige Menschen (Nichtjuden) vernichten. Die Verfolgung der deutschen Sinti und Roma - einer verschwindend kleinen Minderheit unter den europäischen Roma, ca. 37 000 Seelen (von vielleicht zwei oder drei Millionen in ganz Europa) vollzog sich nach genau umgekehrten Kriterien als die Judenverfolgung. Wurden sogenannte jüdische "Mischlinge" ersten oder zweiten Grades in den meisten Fällen verschont, oder wenigstens nicht ermordet, so waren die deutschen Sinti und Roma, die als Mischlinge galten, der Sterilisierungs- und dann der Todesgefahr, oder beidem, ausgesetzt. Denn was der Rassenideologie widersprach, war die Rassenmischung. Für die Juden galt das Gegenteil. Juden die drei oder vier jüdische Großelternteile hatten, wurden durch den Tod bestraft, weil sie geboren waren. Bei dem Genozid der Roma muß man zwischen den deutschen Sinti und Roma einerseits und den Roma in den von den Nazis besetzten Ländern andererseits unterscheiden. Es steht ganz außer Frage, daß die deutschen Sinti und Roma durch Sterilisation und Massenmord vernichtet werden sollten, mit Ausnahme einer kleinen Minderheit der sogenannten "Reinrassigen". Das Problem, das zur Diskussion steht, ist also das Schicksal der europäischen Roma.

Zickzackpolitik gegenüber den Roma

Die schon erwähnten krassen Unterschiede der Schicksale der beiden Völker sind eigentlich nur als zusätzliche Faktoren zu werten. Als Hauptunterschiede müssen die folgenden zwei bezeichnet werden: Die Verfolgung der Juden als imaginärer Hauptfeind des Regimes war ausgesprochen obsessiv. Jede einzelne Person jüdischer Herkunft, überall dort, wo deutscher Einfluß maßgebend war, mußte unter großem Aufwand aufgespürt werden, dann auch richtig identifiziert und registriert, enteignet, konzentriert, transportiert und ermordet bzw. bis zum Tode versklavt werden. Nichtjüdische Nachbarn wurden nach Juden gefragt und ermuntert, sie aufzufinden und den Vernichtungsorganen zuzuführen. Das ist so noch niemals in der Geschichte gegenüber einer ethnischen Gemeinschaft geschehen. Bei den Roma außerhalb Deutschlands war das ganz anders. In Westeuropa zum Beispiel waren wandernde Roma-Gruppen schon längst bei den in Vorurteilen gegen sie befangenen Polizeibehörden registriert. Die durch ihre Wagenzüge ja sowieso leicht aufzuspürenden Roma wurden von den Nazis konzentriert, und einige hundert wurden nach Auschwitz verschickt. 8) Ähnliches geschah in Polen, dem Baltikum und den besetzten Sowjetgebieten, mit der wichtigen Ausnahme der Krim.

Es gab zwar Ansätze, besonders in den baltischen Staaten, die in Städten und Dörfern ansässigen Roma zu finden. Das wurde jedoch bald aufgegeben. Im allgemeinen haben die NS-Behörden außerhalb des "Reiches" keine Anstrengung gemacht, alle Roma zu registrieren, zu enteignen und zu ermorden. Ausnahmen gab es gewiß, und einige von Romani Rose genannten Fälle sind Beweis dafür. Dasselbe geschah in vielen polnischen Dörfern, Lidice in Böhmen, Oradour-sur-Glane in Frankreich, und in einer Unmenge von russischen, weißrussischen und ukrainischen Dörfern und Städten. Auch stimmt es, daß "Zigeuner" zusammen mit Juden in Ghettos eingewiesen wurden. Das gilt nicht nur für die 5 007 Roma (hauptsächlich Lalleri) aus Österreich, die ins Lodzer Ghetto kamen und dann in Chelmno vergast wurden, sondern auch für etwa 1000 polnische Roma im Warschauer Ghetto, die in Treblinka umkamen. Es gab bestimmt auch weitere, vielleicht Hunderte, vielleicht mehr, Roma in anderen Ghettos (in Bialystok z.B.). Aber die gezielten Anstrengungen zur Auffindung jedes letzten Juden wurden bei den Roma nicht getätigt. Schließlich waren sie keine Juden. Eva Justin, eine der Hauptfiguren bei der Verfolgung der Roma, behauptete, daß das "Zigeunerproblem" nicht mit dem Judenproblem zu vergleichen sei, da die "Zigeunerart" im Gegensatz zur jüdischen Intelligenz das "deutsche Volk als Ganzes" nicht "untergraben oder gefährden" könne. Es gäbe, aus ihrer Sicht, "erhebliche Differenzen." 9)

Die Politik des Hitler-Regimes gegenüber seßhaften und wandernden Roma ist durch Michael Zimmermann in dem oben erwähnten Buch eingehend behandelt worden. Es ist sicher richtig, daß noch vieles genauer untersucht werden muß. Zimmermann kommt auch nicht zu einem eindeutigen Schluß in Bezug auf die Anzahl der Opfer. Die genannte Zahl der ermordeten Roma beruht auf einer einfachen Addition der von Zimmermann aufgeführten Zahlen für die verschiedenen Länder, denn der Autor ist wahrscheinlich - und mit Recht - vorsichtig und will sich nicht auf eine mißverstandene Zahl festlegen. Was den Unterschied zwischen seßhaften und wandernden Roma betrifft, der von Romani Rose verneint wird, ist das von ihm als Beweis genannte Schicksal der serbischen Roma bezeichnend. Die erste Verordnung, die "Zigeuner" betraf, war tatsächlich nach dem Muster der anti-jüdischen "Nürnberger Gesetze" formuliert und zielte nicht, wie in Deutschland, gegen die "Mischlinge", sondern gegen die "reinrassigen" Roma. Sie sollten auch, wie Rose richtig sagt, gelbe Armbinden mit der Aufschrift "Zigeuner" tragen. Hier sollten also wirklich alle "Zigeuner" aufgespürt werden. Doch änderte sich das sehr schnell. Schon am 11. Juli 1941, also drei Monate nach der Besetzung Serbiens, verfügte der Verwaltungsstab des Militärbefehlshabers, daß "serbische Staatsangehörige zigeunerischer Abstammung", die einen "geachteten Beruf" ausübten, die einen "ordentlichen Lebenswandel" führten und deren Familien seit 1850 seßhaft waren, "vorerst" von den Bestimmungen auszunehmen seien. Führende Roma wurden jedoch verfolgt. 10) Als dann in Serbien der Partisanenaufstand ausbrach, wurden Tausende von Geiseln erschossen, hauptsächlich Juden, aber auch Roma.

Später waren die Opfer hauptsächlich einheimische Serben. Alle männlichen Juden wurden erschossen, die jüdischen Frauen und Kinder inhaftierte man zusammen mit 292 Roma-Frauen und Kindern im Lager Semlin bei Belgrad. Alle jüdischen Frauen und Kinder wurden anschließend vergast, die 292 Roma aber freigelassen. Schließlich waren sie ja keine Juden. Die Deutschen erklärten wirklich, am 29. August 1943, sie hätten die "Judenfrage und Zigeunerfrage in Serbien gelöst." Alle Juden waren ermordet worden und einige tausend Roma auch. 115 000 Roma in Serbien wurden weiter nicht belästigt, insoweit sie nicht als Partisanen gefangen und erschossen wurden. Es wurden, wie dann anderswo auch, die fahrenden Roma zu Opfern, während seßhafte überlebten. Zum Glück hat Romani Rose unrecht. Eine ähnliche Zickzackpolitik kann man in Polen und der Sowjetunion verfolgen. Über die polnischen Roma wissen wir noch zu wenig. Nach 1942 kamen 1500 polnische Roma nach Auschwitz. Einige hundert wurden in Lagern (in Przemysl und anderswo) konzentriert oder in die UdSSR abgeschoben. Später überführte man eine kleine Anzahl von Roma ins Warschauer Ghetto. Gemäß einer Anweisung vom Mai 1942 sollten die bei Warschau "angetroffen(en) Zigeuner" in die Ghettos eingewiesen werden; es handelte sich also klarerweise um fahrende Roma. Es gab Ausnahmen. So wurden die sogenannten "Hochlandzigeuner", die in den Karpaten lebten, zu Opfern. Ein Beispiel hat Romani Rose in seinem Artikel über das Dorf Szczurowa zitiert. Aber es gibt, wie Zimmermann feststellt, Indizien, daß die seßhaften Roma "nicht in dem Maße gefährdet waren wie die umherziehenden". 11)

Wie Zimmermann sagt - und das ergibt sich auch aus jüdischen Zeugenaussagen -, sahen die Deutschen in den Roma, aufgrund der vornationalsozialistischen Vorurteile und der rassistischen Ideologie, Spione. Da das hauptsächlich die fahrenden Roma betraf, waren auch die Opfer hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, die fahrenden. Eine allgemeine Fahndung nach den Roma gab es nicht. Zimmermann schätzt die Opfer unter den polnischen Roma auf mindestens 8 000, von ca. 28 000, obwohl die letzte Zahl nach neueren Untersuchungen zweifelhaft erscheint, so können es vor dem Kriege mehr gewesen sein. In den Sowjetgebieten wurden die Mordbefehle im August 1941 "offenbar auf die Zigeuner ausgedehnt". 12) Doch wenn man sich die Berichte genauer anschaut, sind diese Befehle weniger eindeutig. Wie Zimmermann schreibt 13), wurden durch die Einsatzgruppen A, B und C 480 Roma als erschossen oder festgenommen (und sehr wahrscheinlich auch als liquidiert) gemeldet, außerdem noch eine "Zigeunerbande" und einzelne Roma an verschiedenen Orten: zusammen etwa 500-600 Menschen (und hunderttausende Juden). Die Einsatzgruppen A, B und C "suchten ... nicht systematisch nach Zigeunern". 14) Manchmal wurden sie von der Wehrmacht und von Nachbarn denunziert. Zimmermann behauptet, daß das Feindbild der Einsatzgruppen - und man kann annehmen nicht nur bei ihnen - im wesentlichen auf Juden und Kommunisten fixiert war, während Roma und andere eine eher untergeordnete Rolle spielten. 15) Dies scheint einen von mir schon oben erwähnten Punkt zu erhärten.

Das von Rose - und nicht nur von ihm - angeführte Hauptbeispiel ist allerdings das der berüchtigten Einsatzgruppe D, die im Süden der Ostfront unter dem Befehl des später erhängten Kriegsverbrechers Otto Ohlendorf operierte. Ohlendorf setzte in seinen Aussagen Juden und "Zigeuner" gleich. Wie bekannt, sah er in den Roma, nicht weniger als in den Juden, aufgrund seiner rassistischen Einstellung Sicherheitsrisiken. So sagte er, daß Romakinder "genau so" wie ihre Eltern zu töten wären. Die "Zigeuner", so Ohlendorf, seien "als nicht seßhafte Leute innerlich bereit ... die Standorte zu wechseln", und das hieß, die Sicherheit des Reiches zu gefährden. Also verstand auch er die sogenannte "Zigeunerfrage" in der Hauptsache als Problem der Fahrenden. Besonders schlimm waltete Ohlendorfs Gruppe in der Krim, wo nach Zimmermann mindestens 2 407 Roma, von 31 000 Opfern, von denen die meisten Juden waren, ermordet wurden. Dabei ist anzunehmen, daß die Zahl der Opfer unter den Roma noch viel größer war und daß die Mehrzahl, vielleicht auch alle, seßhafte und nicht fahrende Roma waren. Wie auch anderswo regte in den Sowjetgebieten das Militär Erschießungen an. Am 21. November 1941 unterschied der Befehlshaber des rückwärtigen Heeresgebietes klar zwischen (seit zwei Jahren) seßhaften Roma, die politisch und kriminell unverdächtig waren sie sollten unbehelligt bleiben -, und "herumziehende(n) Zigeuner(n)", die den Einsatzgruppen übergeben werden sollten. 16) Auch da sind Ausnahmen zu verzeichnen, General Hewelcke zum Beispiel befahl seiner 339. Infanteriedivision, alle "Landstreicher, Juden und Zigeuner" "auszumerzen". 17)

Anfang 1942 bestätigte sich die Einstellung zu den Roma auch in den Sowjetgebieten. Der Kommandant der Ordnungspolizei in Lettland befahl, "nur vagabundierende Zigeuner" zu erschießen, obwohl der Reichskommissar Ostland die Roma den Juden gleichstellen wollte (Juli 1942). Doch wurde dessen Erlaß nicht vom Reichskriminalpolizeiamt bestätigt. Eine von Himmler zweifellos gesichtete Anweisung vom Juli 1943 unterschied zwischen seßhaften Roma, die "wie Landeseinwohner zu behandeln", und umherziehenden, die wie Juden zu behandeln waren. 18) Man kann also folgern, daß, mit einer ganzen Reihe von Ausnahmen und nach anfänglichen Unstimmigkeiten innerhalb der NS-Bürokratie, die Mordbestimmungen zwischen seßhaften und fahrenden Roma zu unterschiedlicher Behandlung führten, obwohl der Unterschied zwischen beiden Kategorien nebulös und daher die Lage für die Betroffenen doch immer auch lebensgefährlich war. Hätte Romani Rose Recht gehabt, so wäre eine ungleich größere Anzahl von Roma vom NS-Regime ermordet worden. Der Massenmord an den kroatischen (zwischen 25 000 und 50 000 Opfer) und den rumänischen (eine ungewisse Zahl, jedenfalls Tausende, aus einer mindestens 300 000 zählenden Bevölkerung) Roma ist ein eigenes Kapitel, denn in beiden Ländern war der Mord an Roma nicht von deutschen Behörden initiiert, sondern von örtlichen Kollaborationsregimen. Im Westen gab es eine große Roma-Bevölkerung in Frankreich, die von den Deutschen nicht erfaßt wurde. Hunderte kamen nach Auschwitz; vielleicht bis zu 30 000 Roma kamen, wie andere Franzosen auch, als Zwangsarbeiter nach Deutschland und in KZs. Die genaue Zahl ist nicht erforscht, aber ungefähr 15 000 Roma kehrten nicht zurück. Soweit unser Wissen heute geht, scheinen mir Romani Roses Einwände nicht stichhaltig zu sein. Die Genozide waren verschieden. Es galt nicht der gleiche Befehl für beide. Aber in beiden Fällen, so verschieden sie auch waren, waren es genozidale Mordbefehle.

Ich finde es bedauernswert, zu einer Diskussion gezwungen zu werden, die meiner Ansicht nach völlig überflüssig ist. Sie kann nur den revisionistischen Nazi-"Historikern" dienen, die sich bestimmt die Hände reiben, wenn sie eine Diskussion zwischen den Erben der Opfer sehen. Auch will ich die persönlichen Bemerkungen in Roses Artikel nicht beantworten; im Gegenteil, ich meinerseits schätze seine mutige Verteidigung der Interessen der Sinti und Roma sehr. Juden und Roma sind natürliche Verbündete im Kampf gegen Völkerhaß. In dieser Hinsicht sind die Roma zu doppelten Opfern geworden, anders als die Juden: bis heute werden die Roma in einer Reihe von Ländern verfolgt und diskriminiert. Es obliegt jüdischen Organisationen und dem Staate Israel, sich solidarisch für die Roma einzusetzen, Entschädigungsgelder mit ihnen zu teilen und ihre Forderungen auf internationaler Ebene zu unterstützen. Es ist eine Tatsache, daß der Holocaust zum Symbol des Bösen an sich geworden ist, eben weil er, zum Unterschied von anderen Genoziden, total und global war. Er ist auch ein Symbol für andere Genozide geworden, auch des Genozids der Roma, eine Tatsache, die den Juden eine besondere Verantwortung auflegt. Der Holocaust war präzedenzlos in einer Reihe von Elementen. Das heißt aber, daß der Prezedenzfall da ist und daß sich ähnliches wiederholen kann. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Leiden der Polen, Juden, Roma, Kambodschaner, Tutsi oder der Deutschen, die von genozidalen Regierungen oder Behörden zu Tode gemartert wurden. Auch besteht zwischen der Pein der jeweiligen Nachkommen und Angehörigen kein Unterschied. Die Unterscheidungen sind soziologisch und politisch; sie sind deshalb wichtig, weil sie es ermöglichen, eine effektive anti-genozidale Politik zu betreiben. Ärzte, die tödliche Krankheiten verhindern wollen, werden oft die extremsten Formen analysieren, um alle andere Formen der Krankheit angreifen zu können. Genozide sind tödliche Krankheiten der Menschheit. Man muß alles tun, um sie zu verhindern. Auch da sind Juden und Roma natürliche Verbündete.

1) Sinti ist die Bezeichnung eines Stammes oder einer Gruppe des Roma-Volkes, die sich hauptsächlich in deutschsprachigen Gebieten angesiedelt hat (etymologisch wahrscheinlich von der indischen Provinz Sindh her). Roma ist die von vielen bevorzugte Selbstdefinition der "Zigeuner". Ich gebrauche also hauptsächlich die letztere Bezeichnung. 2) Michael Zimmermann, Rassenutopie und Genozid, Hamburg 1996. 3) Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, Frankfurt a.M. 1990, Bd. 2, S. 582 ff. 4) Wolfgang Benz (Hg.), Die Dimension des Völkermordes, München 1991, S. 17. 5) Himmlers Weisung vom 8.12.1938, im Bundesarchiv Koblenz, zitiert u.a. in: Michael Zimmermann, Die nationalsozialistische "Lösung der Zigeunerfrage" in: Ulrich Herbert (Hg.), Nationalsozialistische Vernichtungspolitik, 1939-1945, Frankfurt a.M. 1998, S. 246 f. 6) World Jewish Congress Bulletin, London, January 1940, Augenzeugenbericht; oder die Äußerung von Walter Buch, Parteirichter, im Jahre 1938: "Der Jude ist kein Mensch; er ist eine Fäulniserscheinung" (in Hans Buchheim u.a., Anatomie des SS-Staates, Olten und Freiburg 1965, Bd. 2, S. 309). 7) Zimmermann, Rassenutopie, a.a.O., S. 299-301. 8) Yehuda Bauer, Gypsies, in: Israel Gutman/Michael Berenbaum, (Hg.), Anatomy of the Auschwitz Death Camp, Bloomington 1994, S. 447 ff. 9) Zimmermann, a.a.O., S. 373. 10) Ebd., S. 248 ff. 11) Ebd., S. 282 (auch S. 277-283). 12) Ebd., S. 260. 13) Ebd. 14) Ebd., S. 262. 15) Ebd., S. 263. 16) Ebd., S. 265. 17) Ebd. 18) Ebd., S. 275.

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