Zwar wird es nicht often ausgesprochen, doch in den Wandelgängen der Machtpaläste Roms ist es ein offenes Geheimnis, daß Staatspräsident Oscar Luigi Scalfaro im November die Aufgabe des neuen Ministerpräsidenten nicht gerne Massimo D'Alema anvertrauen wollte. Diese Lösung schien ihm jedoch ein weitaus geringeres Übel zu sein, als das Land mit Neuwahlen zu überziehen. Denn sie hätten - kurz vor der Einführung des Euro - zu einem Zeitpunkt stattfinden müssen, da nach außen politische Stabilität gezeigt werden mußte: der gemeinsame Eintritt in den Euro stand bevor. Politische Unwägbarkeiten für mehrere Monate an der Spitze der Exekutive, rechneten ihm auch die Finanzmagnaten vor, würden Italiens ohnehin über dem Limit liegendes Staatsdefizit weiter ansteigen lassen. Daß es jedoch zwei "Todfeinde" des ehemaligen Jungkommunistenführers D'Alema sein würden, die ihm die parlamentarische Mehrheit für die Wahl zum Ministerpräsidenten sichern sollten, darauf hätte wenige Monate zuvor wohl kaum jemand ein paar Lire gewettet.
In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.