Ausgabe Januar 1999

Die Renaissance der Totalitarismustheorie

Zur geschichtspolitischen Bedeutung und zur wissenschaftlichen Tragfähigkeit

 Rote-Socken- (1994) und Rote-Hände-Kampagnen (1998), aber nicht minder die Debatte um das "Schwarzbuch des Kommunismus" mitten im Wahljahr haben gezeigt, daß es für Rechte und Linke - auch für die "Neue Mitte" - keineswegs belanglos ist, ob etwas daran ist an der These von der Wesensgleichheit faschistischer und kommunistischer Gesellschaftssysteme. Nach 1989/91 stellt sich die Geschichte dieses Jahrhunderts natürlich in mancherlei Hinsicht anders dar. Und sie wird anders dargestellt: Schlüsselbegriffe der Totalitarismustheorie erfahren seit Beginn der 90er Jahre in Politik, Publizistik und Wissenschaft eine Renaissance. Berge von Akten harren der Erforschung - und liegen bereit für Versuche des rechten Lagers, die alten antikommunistischen Ressourcen des eigenen Erfolgs zu revitalisieren. Die Versuche zielen zum einen auf eine SPD, die 1990 nicht schnell genug ihren programmatischen Anspruch eines "demokratischen Sozialismus" loswerden konnte: Sie soll in die Nähe eines extremistischen oder totalitären Lagers gerückt oder diesem selbst zugeschlagen werden. Sie zielen zum anderen darauf, alle politischen Vorstellungen links von der SPD zu diskreditieren. Dies gilt nicht weniger, wenn im Umfeld der Sozialdemokratie selbst Totalitarismuskonzepte "entdeckt" und benutzt werden.

Januar 1999

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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