Unter in Deutschland lebenden Juden ist die Identitätsfrage nach wie vor anhängig. Will man sich als "jüdischer Deutscher", "deutsche Jüdin" oder als "Juden in Deutschland" verstehen? Während "jüdischer Deutscher" nach wie vor an die gescheiterten Assimilationsversuche von Kaiserreich und Weimar erinnert, assoziiert man zu "deutsche Jüdin" gerne das so genannte kulturelle Symbioseprojekt, das Gerschom Scholem schon vor Jahren für gescheitert erklärte. "Juden in Deutschland" hingegen scheint sowohl der realen Lage als auch dem Selbstverständnis der hiesigen Juden am ehesten zu entsprechen. Von den etwa einer halben Million vor dem Krieg in Deutschland lebenden Juden hatten nach der Niederlage des nationalsozialistischen Deutschland etwa 20 000 überlebt, weitere 250 000 meist polnische Juden waren von der SS aus den östlichen Konzentrationslagern nach Westen getrieben worden und wurden hier von den Allierten befreit. Die Wiedergründung der Gemeinden, die von wenigen überlebenden deutschen Juden und den in Deutschland hängen gebliebenen displaced persons oft genug nur technisch, als Gründung sog. "Liquidationsgemeinden" betrieben wurde, vermochte weder zu einem ungebrochenen Selbstverständnis noch gar zu einem gedeihlichen Sozialleben zu führen.
In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.