Ausgabe Oktober 2000

Weltkanzlers Halbzeit

Alle Wetter! Was für ein Aufstieg! Gestern noch belächelter "Regieren macht Spaß"-Kanzler, heute schon allseits geehrter Weltstaatsmann. Vor einem Jahr noch hätte kaum jemand einen Pfifferling auf Gerhard Schröder gegeben. Geschlagen mit dem Image des Grinsekanzlers, torkelte er politisch von einer Niederlage zur anderen, so daß sich bereits der notorische Hinfaller Rudolf Scharping als potentieller Nachfolger ins Gespräch bringen konnte. Nun scheint das tiefe Tal der Tränen endgültig durchschritten zu sein und der Kanzler einiges verstanden zu haben: Die Cohibas sind lange schon ins Hinterzimmer verschwunden und Gerhard Schröder ist das Lachen zwar nicht vergangen, doch es ist angestrengter geworden. In kurzen zwei Jahren hat der Kanzler einiges überstanden: einen Krieg, einen Finanzminister, und vor allem: sein eigenes Image, das von seiner stärksten Waffe zu seiner stärksten Belastung wurde. Schröder mußte erleben, wie schnell aus dem Macherprofil das Image des Talkshow-Schwätzers auf der GottschalkCouch werden kann. Nach desaströsem Anfang scheint es dem Instinktpolitiker Schröder jetzt gelungen zu sein, die Gunst des Kohl-Debakels durch eigene Tüchtigkeit zu nutzen. Holzmann, Greencard, Bundesrat, Ost-Tour, D 21-Initiative - seither eilte der Mann, zumindest symbolpolitisch, von Sieg zu Sieg.

Sie haben etwa 12% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 88% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema