Ausgabe Oktober 2000

Weltkanzlers Halbzeit

Alle Wetter! Was für ein Aufstieg! Gestern noch belächelter "Regieren macht Spaß"-Kanzler, heute schon allseits geehrter Weltstaatsmann. Vor einem Jahr noch hätte kaum jemand einen Pfifferling auf Gerhard Schröder gegeben. Geschlagen mit dem Image des Grinsekanzlers, torkelte er politisch von einer Niederlage zur anderen, so daß sich bereits der notorische Hinfaller Rudolf Scharping als potentieller Nachfolger ins Gespräch bringen konnte. Nun scheint das tiefe Tal der Tränen endgültig durchschritten zu sein und der Kanzler einiges verstanden zu haben: Die Cohibas sind lange schon ins Hinterzimmer verschwunden und Gerhard Schröder ist das Lachen zwar nicht vergangen, doch es ist angestrengter geworden. In kurzen zwei Jahren hat der Kanzler einiges überstanden: einen Krieg, einen Finanzminister, und vor allem: sein eigenes Image, das von seiner stärksten Waffe zu seiner stärksten Belastung wurde. Schröder mußte erleben, wie schnell aus dem Macherprofil das Image des Talkshow-Schwätzers auf der GottschalkCouch werden kann. Nach desaströsem Anfang scheint es dem Instinktpolitiker Schröder jetzt gelungen zu sein, die Gunst des Kohl-Debakels durch eigene Tüchtigkeit zu nutzen. Holzmann, Greencard, Bundesrat, Ost-Tour, D 21-Initiative - seither eilte der Mann, zumindest symbolpolitisch, von Sieg zu Sieg.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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