Ausgabe November 2001

Der amerikanische Ernstfall

United We Stand - Chickenburger verkündet der Aushang eines schäbigen Gasthofs im verlassenen Hinterland Maines. Zusammen mit dem gewöhnlichen Produkt soll die ungewöhnliche Botschaft "rüberkommen": Jener 11. September hat den Wirt daran erinnert, daß er nicht nur Besitzer seines kleinen Ladens ist, sondern auch Mitglied einer großen Nation. The Spirit of America ("Newsweek") macht dieser Tage vor nichts und niemandem halt. Daß die Stunde der Not den Geist des Volkes transformieren würde - diese uralte Einsicht hat sich wieder einmal schlagend bestätigt. "Wir können sagen", rekapituliert 1915 Ernst Lederer (Zur Soziologie des Weltkriegs), "daß sich am Tage der Mobilisierung die G e s e l l s c h a f t, die bis dahin bestand, in eine G e m e i n s c h a f t umformte." Und er fährt fort: "Daß die Völker gegenwärtig im Kriege, mehr als jemals, die Form der Gemeinschaft annehmen, liegt dann, daß das moderne Heer mit der allgemeinen Wehrpflicht, jenseits aller gesellschaftlichen Bindungen, einen eigenartigen Komplex ausgebildet hat, innerhalb welchem alle soziale Besonderheit suspendiert ist." Suspendiert also nicht dauerhaft aufgehoben, sondern zeitweitig verdrängt und bis auf weiteres zum Verschwinden gebracht. Kalamität "kassiert" Pluralität.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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