Ausgabe Juli 2002

Feuilletonstadl

Zurzeit wird auf allen deutschen Bühnen ein und dasselbe Stück gegeben. Es heißt "Antisemitismus" und macht sich offenbar im Wahlkampf, im Feuilleton und in der Außenpolitik gleichermaßen gut. Der jüngste Fall "Schirrmacher gegen Walser" schaut auf den ersten Blick aus, als sei er in einer Diskurswerkstatt erdacht und nach allen Regeln der Kunst in Szene gesetzt worden. Da schickt der deutsche Schriftsteller, dessen bewährtes Erfolgsrezept der kalkulierte Tabubruch am rechten Rand ist, seinen jüngsten Schlüsselroman "Tod eines Kritikers " zum Vorabdruck an die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Just an das Organ, bei welcher der kaum verschlüsselte Kritiker vordem zu Hause war.

Der Feuilletonchef schreit: "Antisemitismus"! In der Tat spielt der Text mit den seit Richard Wagner "bewährten" Repertoireelementen des "Kulturjuden": Machtgier, Geldgier, Geilheit und recodiert sie "neutral" als Merkmale des Kulturbetriebs in den Massenmedien. Der Feuilleton-Chef lehnt den Roman in einem offenen Brief ab. Walser hat den Skandal, den er braucht, und die FAZ eine ebenso dringend benötigte resonanzträchtige Kampagne im Kampf um die Lufthoheit der Feuilletons. Eigentlich könnten alle zufrieden sein.

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