Ausgabe Juni 2002

Der Fall Dschenin.

Ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch vom 2. Mai 2002 (Auszüge)

Am 19. April beschloss der UN-Sicherheitsrat einstimmig, die Vorfälle während der israelischen Armeeoffensive in dem palästinensischem Flüchtlingslager in Dschenin zu untersuchen. Generalsekretär Annan beauftragte daraufhin den früheren finnischen Präsidenten Ahtisaari, die frühere UN-Hochkommissarin für Flüchtlinge Ogata sowie den früheren IKRK-Präsidenten Sommaruga mit der Untersuchung. Auf Grund der versuchten Einflussnahme der Regierung Scharon und der wiederholten Weigerung, diese Kommission einreisen zu lassen, löste Annan sie am 2. Mai auf. Die bisher gründlichste Untersuchung zu den Vorgängen in Dschenin veröffentlichte Human Rights Watch (www.hrw.org) am 2. Mai d.J. Es handelt sich um einen 48-seitigen Untersuchungsbericht mit dem Titel "Israel, The Occupied West Bank and Gaza Strip, and the Palestinian Authority Territories: Jenin: IDF Military Operations". Darin kommt sie zu dem Ergebnis, dass die israelische Armee allem Anschein nach im Verlauf der Operation im Flüchtlingslager Kriegsverbrechen begangen habe. Allerdings konnte Human Rights Watch keine Beweise finden, die Vorwürfe bestätigten, Hunderte Palästinenser seien einem Massaker zum Opfer gefallen. Der Bericht dokumentiert Schilderungen von Augenzeugen und Betroffenen über Kriegsverbrechen im Verlauf der Operation in Dschenin: Erschießungen und andere Todesfälle, den Missbrauch von Zivilisten als "menschliche Schutzschilde", Angriffe auf medizinisches Personal und die Verwendung unverhältnismäßiger Gewalt. Er enthält ferner Empfehlungen an die Regierungen und Organisationen, die die Möglichkeit besitzen den Konflikt zu beeinflussen, und informiert über den völkerrechtlichen Hintergrund. - Wir dokumentieren zwei Abschnitte des Berichts: die Zusammenfassung sowie die Schilderung des Verlaufs der Kämpfe innerhalb des Flüchtlingslagers - D. Red.

I. Über diese Untersuchung

Ein Human Rights Watch-Team von drei erfahrenen Forschern verbrachte sieben Tage vom 19. April 2002 bis zum 28. April 2002 in Dschenin, um für diesen Bericht Untersuchungen anzustellen. Das Team befragte über einhundert Bewohner des Dschenin-Flüchtlingscamps, sammelte detaillierte Berichte von Opfern und Zeugen, prüfte ihre Berichte und verglich sie sorgfältig mit denen anderer. Die Beobachter von Human Rights Watch sammelten auch Informationen von anderen direkten Beobachtern der Ereignisse im Flüchtlingscamp von Dschenin, einschließlich internationaler Entwicklungshelfer, medizinischer Helfer und lokaler Beamter. Die Untersuchungen umfassten auch Informationen aus öffentlichen Quellen, einschließlich israelischer Regierungsquellen, über das Eindringen in das Lager. Die Israelischen Streitkräfte (Israeli Defense Forces - IDF) sind jedoch der wiederholten Bitte von Human Rights Watch um Informationen über das militärische Vordringen in die Westbank und den Gaza-Streifen nicht nachgekommen. Obwohl die Nachforschungen von Human Rights Watch eingehend waren, geben wir nicht vor, dass sie allumfassend sind. Weitere Befragungen sind noch angebracht, besonders da die Ausgrabungsarbeiten andauern, und falls Israel sich schließlich noch entscheidet, seine Soldaten, die an der Operation teilgenommen haben, für Interviews abzustellen.

II. Zusammenfassung

Am 3. April 2002 starteten die IDF eine groß angelegte Militäroperation im Flüchtlingslager von Dschenin, das etwa vierzehntausend Palästinensern, in der überwältigenden Mehrheit Zivilisten, eine Zuflucht bietet. Das erklärte israelische Ziel war die Gefangennahme oder Tötung palästinensischer Kämpfer, die für Selbstmordattentate und andere Angriffe verantwortlich sind, bei denen mehr als siebzig Israelis und andere Zivilisten seit März 2002 getötet wurden. Das militärische Eindringen in das Flüchtlingscamp Dschenin fand in einem bisher nie da gewesenen Ausmaß statt, im Vergleich zu anderen militärischen Operationen, die die IDF seit dem Beginn des gegenwärtigen israelisch-palästinensischen Konflikts im September 2000 durchgeführt haben. Die Anwesenheit von bewaffneten palästinensischen Kämpfern im Flüchtlingscamp von Dschenin und die Vorbereitungen, die von diesen bewaffneten palästinensischen Kämpfern in Erwartung des Eindringens der IDF getroffen wurden, schmälern nicht die Verpflichtung der IDF, im Rahmen des internationalen humanitären Völkerrechts alle möglichen Vorkehrungen zu ergreifen, Zivilisten vor Schäden zu bewahren.

Israel hat auch die rechtliche Verpflichtung sicher zu stellen, dass seine Angriffe auf legitime militärische Ziele keinen unverhältnismäßigen Schaden für Zivilisten verursachen. Unglücklicherweise wurden diese Verpflichtungen nicht eingehalten. Die Nachforschungen von Human Rights Watch zeigen, dass die israelischen Streitkräfte während ihres Einmarsches in das Flüchtlingslager schwere Verletzungen des internationalen humanitären Völkerrechts begingen, einige davon laufen dem ersten Anschein nach (prima facie) auf Kriegsverbrechen hinaus. Auf Grund der beengten städtischen Gegebenheiten des Flüchtlingslagers befanden sich Kämpfer und Zivilisten nie weit auseinander. Zivile Bewohner des Lagers schilderten, wie aus Hubschraubern ganze Tage lang Raketen auf ihre Häuser abgefeuert wurden. Einige Bewohner waren gezwungen, auf der Suche nach Schutz von Haus zu Haus zu fliehen, während andere durch die Kämpfe eingeschlossen wurden - nicht in der Lage, in Sicherheit zu gelangen, auch angesichts der Bedrohung durch Ausgangssperren, welche die IDF durch Scharfschützenfeuer mit tödlichen Folgen erzwangen. Human Rights Watch dokumentierte Beispiele, in denen Soldaten zivile Häuser in militärische Stellungen verwandelten und die Bewohner in ein einzelnes Zimmer einsperrten.

In anderen Fällen wurde fliehenden Zivilisten von Soldaten der IDF ausdrücklich befohlen, in ihre Häuser zurückzukehren. Trotz der beengten Verhältnisse waren die IDF rechtlich verpflichtet, zivile von militärischen Zielen zu trennen. Gelegentlich waren die IDF-Angriffe allerdings willkürlich und versäumten es, diese Unterscheidung vorzunehmen. Der Beschuss erfolgte am Morgen des 6. April besonders wahllos, als Raketen aus Hubschraubern abgefeuert wurden und zahlreiche schlafende Zivilisten überraschten. Eine Frau wurde während dieses Angriffs durch den Hubschrauberbeschuss getötet; in einem anderen Teil der Stadt wurde ein vierjähriges Kind verletzt, als eine Rakete das Haus traf, in dem es schlief. Beides waren Gebäude, in denen sich ausschließlich Zivilisten befanden, ohne dass sich Kämpfer in unmittelbarer Nähe aufhielten. Die IDF benutzten gepanzerte Planierraupen, um die Häuser der Einwohner niederzureißen. Der offensichtliche Zweck bestand darin, eine Schneise durch die engen und verschlungenen Gassen Dschenins zu schlagen, um ihren Panzern und anderen schweren Waffen zu ermöglichen, in das Innere des Lagers vorzudringen, insbesondere da einige dieser Gassen offenbar versteckte Sprengladungen enthielten. Besonders im Hawaschin-Viertel gingen die Zerstörungen jedoch weit über das Ausmaß hinaus, das nötig war, um zu Kämpfern vorzudringen, und standen in keinem Verhältnis zu den verfolgten militärischen Zielen. Die Zerstörungen im Lager von Dschenin durch Raketen, Panzerbeschuss und Bulldozer haben viele Beobachter schockiert. Mindestens 140 Gebäude - in der Mehrzahl Mehrfamilienhauser - wurden vollständig zerstört, auf Grund schwerer Schäden sind 200 weitere Gebäude unbewohnbar oder einsturzgefährdet. Es wird geschätzt, dass 4 000 Menschen, mehr als ein Viertel der Bewohner des Lagers, durch diese Zerstörungen obdachlos wurden. Schwere Schäden wurde auch den Wasser-, Abwasserund Energieeinrichtungen des Lagers zugefügt. Mehr als 100 der 140 komplett zerstörten Gebäude lagen im Hawaschin-Viertel. Im Gegensatz zu anderen Teilen des Lagers, wo Bulldozer eingesetzt wurden, um die Straßen zu weiten, rissen die IDF das gesamte Hawaschin-Viertel, wo am 9. April dreizehn IDF-Soldaten in einem Hinterhalt palästinensischer Kämpfer getötet wurden, nieder. Eine der höchsten Prioritäten für die UN-Untersuchungskommission sollte es sein, festzustellen, ob diese extensive Zerstörung die militärische Notwendigkeit so weit überschritten hat, dass sie mutwillige Zerstörung - oder ein Kriegsverbrechen - darstellt.

Der Schaden durch diese Zerstörung wurde verstärkt, da keine ausreichende Warnung der Zivilbevölkerung erfolgte. Obwohl bei vielen Gelegenheiten Warnungen durch die IDF herausgegeben wurden, erfuhren viele Zivilisten erst von dem Risiko, als die Bulldozer ihre Häuser niederzureißen begannen. Dschamal Fayid, ein 37-jähriger gelähmter Mann, wurde getötet, als die IDF sein Haus über ihm einrissen und seinen Verwandten nicht genügend Zeit gaben, ihn aus der Unterkunft zu schaffen. Der 65-jährige Mohammed Abu Saba'a musste den Fahrer eines IDF-Bulldozer anflehen, die Zerstörung seines Hauses einzustellen, solange seine Familie sich darin befand; als er zu seinem halb zerstörten Haus zurückkehrte, wurde er von einem israelischen Soldaten erschossen. Human Rights Watch hat bestätigt, dass mindestens 52 Palästinenser durch die IDF-Operationen in Dschenin getötet wurden. Diese Zahl könnte ansteigen, während die Rettungs- und Untersuchungsarbeiten andauern und Familienmitglieder, die von Israel inhaftiert wurden, ausfindig gemacht oder freigelassen werden. Auf Grund der geringen Anzahl an Menschen, die als vermisst gemeldet werden, erwartet Human Rights Watch nicht, dass diese Zahl nennenswert ansteigt. Bei mindestens 22 derjenigen, deren Tod bestätigt wurde, handelt es sich um Zivilisten, einschließlich Kinder, körperlich behinderte und ältere Menschen. Mindestens 27 derjenigen, deren Tod bestätigt wurde, wurden verdächtigt, bewaffnete Palästinenser zu sein, die Bewegungen wie dem Islamischen Dschihad, der Hamas und den Märtyrer-Brigaden der Al-Aksa angehören. Einige waren Mitglieder der Nationalen Sicherheitskräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) oder anderer Zweige der PA-Polizeiund Sicherheitskräfte. Human Rights Watch war nicht in der Lage, abschließend den Status der drei übrigen Getöteten unter den dokumentierten Fällen zu klären.

Human Rights Watch fand keine Beweise, die Behauptungen über Massaker oder umfangreiche außergerichtliche Hinrichtungen der IDF im Flüchtlingslager von Dschenin bestätigen. Doch viele der Todesfälle von Zivilisten, die von Human Rights Watch dokumentiert wurden, laufen auf ungesetzliche oder vorsätzliche Tötungen durch die IDF hinaus. Viele andere hätten vermieden werden können, wenn die IDF geeignete Vorkehrungen getroffen hätten, um das Leben von Zivilisten während der Militäroperation zu schützen, wie es das internationale humanitäre Völkerrecht erfordert. Das waren unter den zivilen Todesfällen die des Kamal Zgheir, eines 57-jährigen Rollstuhlfahrers, der erschossen und von einem Panzer auf einer Hauptverkehrsstraße außerhalb Dschenins überrollt wurde, obwohl er eine weiße Flagge an seinem Rollstuhl befestigt hatte; der 58jährigen Mariam Wischahi, die am 6. April in ihrem Haus von einer Rakete getötet wurde, wenige Stunden, nachdem ihr unbewaffneter Sohn auf der Straße erschossen worden war; des Dschamal Fayid, eines 37jährigen querschnittsgelähmten Mannes, der am 7. April unter dem Schutt seines Hauses zermalmt wurde, trotz der Bitte seiner Familie, ihn herausholen zu dürfen; und des 14-jährigen Faris Zaiban, der durch Schüsse aus einem gepanzerten IDF-Wagen getötet wurde, als er losging, um Lebensmittel zu kaufen, während das von den IDF verhängte Ausgehverbot am 11. April vorübergehend aufgehoben war. Einige der Fälle, die von Human Rights Watch dokumentiert wurden, weisen auf summarische Exekutionen hin, ein eindeutiges Kriegsverbrechen, wie die Erschießung von Dschamal al-Sabbagh am 6. April. Al-Sabbagh wurde erschossen, während er unter direkter Kontrolle der IDF stand: Er befolgte den Befehl, seine Kleidung auszuziehen. In mindestens einem Fall töteten IDF-Soldaten widerrechtlich einen verwundeten Palästinenser, Munthir al-Haj, der keine Waffe mehr trug, dessen Arme, wie berichtet wurde, gebrochen waren und der keine aktive Rolle in den Kämpfen einnahm. Während der gesamten Aktion benutzten IDF-Soldaten palästinensische Zivilisten, um sich zu schützen, indem sie sie als "menschliche Schutzschilde" einsetzten und sie zwangen, gefährliche Arbeiten durchzuführen. Human Rights Watch erhielt viele voneinander unabhängige und glaubwürdige Zeugenaussagen darüber, dass Palästinenser an ungeschützte Positionen gebracht wurden, um IDF-Soldaten vor Beschuss oder Angriffen zu bewahren. IDF-Soldaten zwangen diese Palästinenser, über lange Zeiträume hinweg vor exponierten Stellungen der IDF zu stehen, oder zwangen sie, Soldaten zu begleiten, die sich von Haus zu Haus bewegten. Kamal Tawalbi, Vater von vierzehn Kindern, beschrieb, wie Soldaten ihn und seinen 14jähngen Sohn drei Stunden lang in die Schusslinie stellten und ihre Gewehrläufe auf seiner Schulter und auf der seines Sohnes aufstützten, während sie schossen. IDF-Soldaten zwangen eine 65-jährige Frau, mitten in einem Hubschrauberkampf vor einer IDF-Stellung auf einem Dach zu stehen.

Wie bei früheren IDF-Einsätzen zwangen Soldaten die Palästinenser, manchmal mit vorgehaltener Waffe, die IDF-Truppen bei der Durchsuchung von Wohnungen zu begleiten, Wohnungen zu betreten, Türen zu öffnen und andere potenziell gefährliche Aufgaben zu erledigen. In Dschenin war solch ein erzwungener Einsatz von Zivilisten weit verbreitete Praxis; in nahezu allen Fällen, in denen IDF-Soldaten ein von Zivilisten bewohntes Haus betraten, berichteten die Bewohner Human Rights Watch, dass IDF-Soldaten von palästinensischen Zivilisten begleitet wurden, die unter Zwang teilnahmen. Der erzwungene Einsatz von Zivilisten bei Militäroperationen stellt eine schwer wiegende Verletzung des Kriegsrechts dar, da er Zivilisten dem unmittelbaren Risiko von Tod oder ernsthafter Verwundung aussetzt. Human Rights Watch hat bisher keine Beweise dafür, dass palästinensische Bewaffnete palästinensische Zivilisten gezwungen haben, während des Angriffs als menschliche Schilde zu dienen. Aber palästinensische Bewaffnete gefährdeten palästinensische Zivilisten im Lager, indem sie es als Basis für Planungen und für Angriffe nutzten; indem sie unterschiedslos wirkende Taktiken wie das Auslegen behelfsmäßiger Sprengsätze innerhalb des Lagers nutzten; und indem sie sich während bewaffneter Konflikte unter die Zivilbevölkerung mischten, um in einigen Fällen die Ergreifung durch israelische Kräfte zu vermeiden. Während der "Operation Schutzschild" blockierten die IDF die Durchfahrt für medizinische Notfallfahrzeuge und medizinisches Personal zum Flüchtlingslager in Dschenin elf Tage lang, vom 4. bis zum 15. April.

In diesem Zeitraum hatten sowohl die verletzten Kombattanten und Zivilisten als auch die Kranken im Lager keinen Zugang zu medizinischer Notfallversorgung. Die Einsatzfähigkeit der Ambulanzen und Hospitäler in Dschenin war ernsthaft eingeschränkt, und Krankenwagen wurden wiederholt von den IDF beschossen. Farma Dschammal, eine uniformierte Krankenschwester, wurde durch IDF-Beschuss getötet, während sie einen verletzten Zivilisten behandelte. In mindestens zwei Fallen starben verletzte Zivilisten ohne Zugang zu medizinischer Behandlung. Direkte Angriffe auf medizinisches Personal und die Verweigerung des Zugangs zu medizinischer Versorgung für die Verwundeten stellen eine gravierende Verletzung des Kriegsrechts dar. Während des Zeitraums, in dem die IDF direkt das Lager in Dschenin kontrollierten, waren die israelischen Behörden durch das humanitäre Völkerrecht verpflichtet, alle denkbaren Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen, um Zivilisten im Lager vor Gefahren, die sich aus den Kampfhandlungen ergeben, zu schützen und das unter diesen Umständen größtmögliche Maß an Zugang zu Nahrung und medizinischer Versorgung für die Zivilbevölkerung zu sichern. In der Praxis allerdings hinderten die IDF die humanitären Organisationen am Zugang zum Lager und dessen zivile Einwohnern - trotz der großen humanitären Not. Diese Blockade dauerte vom 11. bis zum 15. April an, nachdem sich die Mehrheit der bewaffneten Palästinenser bereits ergeben hatte. Human Rights Watch führte die Untersuchung durch und fand bei seinen Untersuchungen keine Beweise, welche die Berichte bestätigen, nach denen die IDF Leichen aus dem Flüchtlingslager zur Beerdigung in Massengräbern weggebracht hat. Jeder in der folgenden Liste aufgeführte Fall rechtfertigt eine weitere gründliche, transparente und unparteiliche Untersuchung und eine Veröffentlichung der Ergebnisse. Wo Fehlverhalten festgestellt wird, sollten die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Es gibt nach dem ersten Anschein (prima facie) überzeugende Beweise, dass IDF-Personal in den genannten Fällen schwere Verletzungen der Genfer Konvention oder Kriegsverbrechen beging. Solche Fälle rechtfertigen besondere strafrechtliche Untersuchungen, um die Verantwortlichen zu ermitteln und zu verurteilen. Israel hat die größte Verpflichtung, solche Untersuchungen durchzuführen, aber auch die internationale Gemeinschaft trägt eine Verantwortung dafür, dass diese Nachforschungen erfolgen. [...]

IV. Hintergrund:

Der Kampf innerhalb des Dschenin-Flüchtlingslagers

Israelische Behörden haben wiederholt die militärische Bedeutung der IDF-Operationen im Flüchtlingslager von Dschenin betont. Sie erklären, dass sie unabdingbar gewesen seien, um die Angriffe gegen israelische Zivilisten zu beenden, indem sie sowohl die an den Angriffen beteiligten Einzelpersonen aufhielten als auch die für die Angriffe verwendete Infrastruktur zerstörten. Israelische Beamte behaupten, dass viele Selbstmordattentäter, die Anschläge auf israelische Zivilisten verübt hatten, aus dem Lager stammten. 1) Einige führende palästinensische Kämpfer vom Islamischen Dschihad, der Hamas, und den Märtyrer-Brigaden der Al-Aksa lebten ebenfalls im Flüchtlingslager. Bewaffnete Palästinenser hatten sich auf die Angriffe vorbereitet, indem sie am Rande des Lagers und innerhalb desselben Stellungen errichteten, und indem sie in vielen Gebieten versteckte Sprengsätze legten. Die dichte Bebauung und die engen, winkligen Gassen des Lagers, das auf den Hügeln südwestlich der Innenstadt von Dschenin liegt, stellten eine sehr schwierige Umgebung für den städtischen Nahkampf dar. Als die Ermittler von Human Rights Watch das Lager besuchten, sprachen die Bewohner offen über die Vorbereitungen, die die Kämpfer - deren Anzahl in Medienberichten auf 80 bis 100 geschätzt wurden - getroffen hatten. Man konnte Kinder mit nicht explodierten Rohrbomben, die sie aus dem Schutt ausgegraben hatten, umherspazieren sehen. Ein Minenräumer berichtete Human Rights Watch, dass er vierzig von den Palästinensern hergestellte Bomben an einem einzigen Tag entschärft hat. Aber die Anwesenheit bewaffneter palästinensischer Kämpfer im Lager, und die Vorbereitungen, die von diesen bewaffneten palästinensischen Kämpfern in Erwartung des Eindringens der IDF getroffen wurden, darf nicht von einer wesentlichen Tatsache ablenken: Das Flüchtlingslager in Dschenin war auch die Heimat von mehr als 14 000 palästinensischen Zivilisten.

Die IDF hatten die Verpflichtung im Rahmen des internationalen humanitären Völkerrechts alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, um unverhältnismäßige Auswirkungen ihrer militärischen Operationen auf diese Zivilisten zu verhindern. Die meisten Zeugen, die von Human Rights Watch befragt wurden, sagten aus, in den ersten zwei Tagen der Operation seien Panzer, Hubschrauber und Geschützfeuer eingesetzt worden. Die Panzer und Truppen der IDF bezogen in der Nacht vom 2. auf den 3. April Stellungen am Rande des Lagers. Auch wenn sich die Darstellungen je nach Standort unterscheiden, berichteten Zeugen in dem Lagerbereich unmittelbar oberhalb des Krankenhauses, dass eine kleine Anzahl an Soldaten der IDF am Morgen und am späten Nachmittag des 3. April in das Lager eindrang. Bewaffnete Palästinenser bezogen am Eingang des Lagers und Berichten zufolge auch an anderen Randgebieten des Lagers Stellungen. Im Laufe der Tage wurden die bewaffneten Palästinenser - die in kleinen Gruppen kämpften, die zunehmend isoliert wurden - immer weiter in das Lagerinnere zurückgezwungen. Damit Panzer und schwere Panzerfahrzeuge in das Lager eindringen konnten, schickten die IDF gepanzerte Bulldozer, um die engen Gassen zu weiten, indem sie die Häuserfronten an einigen Stellen mehrere Meter tief - wegrissen. In den ersten Tagen hielten die palästinensischen Kämpfer die IDF aus dem Westen des Lagers fern, während Bulldozer im Osten in das auf einer Anhöhe liegende Viertel al-Damay eindrangen, von dem aus man das Zentrum des Lagers überblicken kann. Der IDF-Infanterie gelang es, durch den nördlichen Eingang in das Lager einzudringen. Sie warf Rauchbomben als Sichtschutz, während sie von Haus zu Haus vorging. Obwohl Hubschrauber anwesend waren, sorgten diese in der Phase vor allem für die Luft-Boden-Unterstützung. IDF-Soldaten "wühlten" sich von Haus zu Haus, indem sie große Löcher in die Wände zwischen den Häusern schlugen und so Wege für ein sicheres Vorgehen vom Rand des Lagers zum Zentrum schufen. In zahlreichen Fällen nutzten sie palästinensische Zivilisten und Gefangene als menschliche Schilde, während sie von Haus zu Haus vorgingen, und zwangen Zivilisten, wie Human Rights Watch bereits bei vorhergehenden Operationen in der West Bank und im Gaza-Streifen dokumentierte, die gefährlichsten Aufgaben - wie das Betreten und Überprüfen von Gebäuden während der Haus-zu-Haus-Durchsuchungen durchzuführen.

Am dritten Tag der Operation, in den frühen Morgenstunden des 6. April, begannen Hubschrauber aus US-amerikanischer Produktion Raketen auf das Lager abzufeuern, wobei sie oft zivile Unterkünfte trafen, in denen sich keine palästinensischen Kämpfer aufhielten. Der Raketenbeschuss, der in den frühen Morgenstunden begann, überraschte viele Zivilisten im Schlaf. Das Chaos und die Zerstörung, die durch das Bombardement verursacht wurden, ermöglichten es den IDF, weiter zum Zentrum des Lagers vorzudringen. Am 9. April starben dreizehn israelische Soldaten in einem großen Hinterhalt im Hawaschin-Viertel. Nach dem Hinterhalt am 9. April setzten die IDF stark auf Raketenbeschuss durch Hubschrauber. Sie setzten auch im starken Maße auf gepanzerte Bulldozer, die es den IDF ermöglichten, in Viertel vorzudringen, in denen es ihnen zuvor nicht gelungen war, die Kontrolle ZU festigen. Der Wechsel der militärischen Strategie mag geholfen haben, die bewaffneten Palästinenser im Lager zu schlagen, aber die neue Taktik hatte unannehmbare Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung und die Infrastruktur des Lagers. Die IDF setzten gepanzerte Bulldozer über die gesamte Operation hin ein. Am 10. April wurden Bulldozer geschickt, um eine Gasse im Abu Nasr-Viertel westlich von Hawaschin zu vergrößern. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Bulldozer noch in erster Linie genutzt, um Straßen zu verbreitern. Am 12. April wurden Zivilisten im Gebiet Matahin, das sich oberhalb der wichtigsten UNRWA-Schule befindet, gewarnt, ihre Unterkünfte zu verlassen, bevor Bulldozer sie zerstörten. Viele beachteten den Aufruf. Bald darauf trafen gepanzerte Bulldozer ein, um einen breiten Pfad für die gepanzerten Fahrzeuge der IDF zu schlagen, wobei sie auf ihrem Weg viele Unterkünfte dem Erdboden gleichmachten. Gegen Ende der IDF-Operation waren die Kämpfe und die Zerstörung hauptsächlich auf das zentral gelegene Hawaschin-Viertel des Lagers konzentriert. Der Großteil der Kämpfe schien am 10. April abgeflaut zu sein, aber vereinzelte Nester palästinensischer Kämpfer hielten noch einige Tage durch. Die Bulldozer scheinen, selbst nachdem die meisten Kämpfe beendet worden waren, weiter Hauser niedergerissen zu haben. Am Ende hatten die Bulldozer viel mehr getan, als Schneisen für die IDF-Panzer und die gepanzerten Fahrzeuge zu schaffen: Das gesamte Gebiet, bis zum allerletzten Haus, war dem Erdboden gleichgemacht worden. [...]

 1) Die Tage, Orte und Opfer in dieser Zeit waren nach einer Liste der BBC vom 12. April folgende: 2. März, Jerusalem, neun Tote und 57 Verletzte; 5. März, Afula, ein Toter und mehrere Verletzte; 9. März, Jerusalem, 11 Tote und 50 Verletzte; 20. März, in der Nähe von Umm-al-Fahm, sieben Tote; 21. März, Jerusalem, zwei Tote und 20 Verletzte; 26. März, Jerusalem, drei Verletzte; 27. März, Netanya, 28 Tote; 29. März, Jerusalem, zwei Tote; 30. März, Tel Aviv, 30 Verletzte; 31. März, Haifa, 14 Tote; 31. März, Efrat, vier Verletzte; 1. April, ein Verletzter.

Aktuelle Ausgabe April 2020

In der April-Ausgabe analysiert der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel, wie die Corona-Krise die große Erzählung vom Segen der Globalisierung endgültig entzaubert. Der Ökonom Thomas Piketty widmet sich der Ideologie der Ungleichheit und zeigt: Das Aufstiegsversprechen westlicher Gesellschaften ist nicht länger tragfähig. Der Historiker Yoni Appelbaum erkennt im demographischen Wandel in den USA einen zentralen Treiber für den wachsenden Hass in der amerikanischen Gesellschaft. Der Migrationsforscher Mark Terkessidis geht den kolonialen Wurzeln des Rassismus auf den Grund. Und die Juristin und »Blätter«-Mitherausgeberin Rosemarie Will würdigt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidassistenz.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema