Ausgabe Oktober 2002

Macht und Schwäche

Was die Vereinigten Staaten und Europa auseinander treibt

Es ist an der Zeit, mit der Illusion aufzuräumen, Europäer und Amerikaner lebten in ein und derselben Welt oder besäßen gar ein gemeinsames Weltbild. In der alles entscheidenden Frage der Macht - in der Frage nach der Wirkungskraft, der Ethik, der Erwünschtheit von Macht - gehen die amerikanischen und die europäischen Ansichten auseinander. Europa wendet sich von der Macht ab oder es bewegt sich, anders gesagt, über diese hinaus. Es betritt eine in sich geschlossene Welt von Gesetzen, Regelungen, transnationalen Verhandlungen und transnationaler Zusammenarbeit, ein posthistorisches Paradies des Friedens und des Wohlstands, das der Verwirklichung von Kants "ewigem Frieden" gleichkommt. Dagegen bleiben die USA der Geschichte verhaftet und üben Macht in der Hobbesschen Welt aus, in der auf internationale Regelungen und Völkerrecht kein Verlass ist und in der wirkliche Sicherheit sowie die Förderung und Verteidigung einer liberalen Ordnung nach wie vor von Besitz und Einsatz militärischer Macht abhängen.

Aus diesem Grund verstehen sich Amerikaner und Europäer in wichtigen strategischen Fragen heute immer weniger. Und dieser Zustand ist nicht vorübergehender Natur, nicht lediglich auf eine einzelne US-Wahl oder ein einzelnes Katastrophenereignis zurückzuführen.

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