Ausgabe Januar 2004

Deutsches Lehrstück

Die Rede Martin Hohmanns, für den Antisemitismusforscher Wolfgang Benz die erste "geschlossene judenfeindliche Argumentation von einem Politiker einer demokratischen Partei" in der Geschichte der Bundesrepublik, ist noch weit mehr als das. Wie die Solidarisierung mit Hohmann innerhalb und außerhalb der Union zum Ausdruck bringt - und auch die reichlich verspätete Notbremse Angela Merkels, der erste CDU-Fraktionsausschluß der Geschichte, kann darüber nicht hinweg täuschen -, ist der Fall Hohmann erschreckender Ausdruck der geistigen Befindlichkeit bis weit in die Mitte dieser Gesellschaft.1

In Hohmanns Auftritt am Nationalfeiertag 2003 artikulierte sich ein weit verbreitetes diffuses Unbehagen am Selbstbild der Bundesrepublik. Hohmanns verquere Mischung aus gekränktem Nationalismus und katholischem Fundamentalismus bediente sich der antisemitischen Argumentationslogik zu einem Zweck: der Entlastung der deutschen Nation. Dem CDU-Abgeordneten aus Neuhof bei Fulda gelang es, einen völkisch-nationalen Diskurs zu intonieren, der ethnisch homogene Entitäten - "Tätervölker" - konstruiert und gegeneinander in Stellung bringt. Die Diskriminierung "der Juden" wird ihm Mittel zur Entlastung "der Deutschen" als nationaler Volksgemeinschaft.

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2020

In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Antisemitismus

Flagge der DDR

Bild: Ostdeutscher Antisemitismus: Wie braun war die DDR?

Ostdeutscher Antisemitismus: Wie braun war die DDR?

von Micha Brumlik

Der Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober war nicht nur eine allgemeine Spätfolge des okzidentalen Judenhasses sowie des deutschen Nationalsozialismus, sondern auch ein Resultat der politischen Kultur der untergegangenen DDR.

Bild: Quinn Buffing / Unsplash

Der Wille zum Töten

von Klaus Theweleit

Vor 40 Jahren veröffentlichte Klaus Theweleit den ersten Band von »Männerphantasien« und machte damit sofort Furore.

Bild: imago images / snapshot

Das Fanal von Halle: Der neue, alte Antisemitismus

von Christian Bangel

Mit den Morden von Halle hat der Judenhass in Deutschland ein neues Fanal gesetzt. Nun kann man hoffen, dass die Tat Wirkung zeigt, dass sie so etwas wie eine Selbstüberprüfung der gesellschaftlichen Mitte auslöst. Doch bisher deutet wenig darauf hin.