Ausgabe Juni 2004

Vom Modell Deutschland zum Modell Europa

Deutschland steht vor dem wirtschaftlichen Niedergang; es gehört zu der neuesten Spezies, die ökonomische Entwicklungstheoretiker entdeckt haben, nämlich zu den Newly Declining Countries (NDC), jenen Ländern, die ihre Position an der Spitze der hoch entwickelten Volkswirtschaften wohl nicht werden halten können. Diesen Eindruck muss man jedenfalls gewinnen, wenn man das Getöse der Politiker und die zunehmend schärfer und wehklagender werdenden Kommentare der Medien und ihrer selbst ernannten Wirtschaftsexperten hört.1 Obwohl der Weg des Niedergangs angeblich bereits vorgezeichnet ist, soll allenfalls eine scharfe Umkehr, nämlich die dramatische Reform der Sozialsysteme und des Arbeitsmarktes, kurzum: eine Wende à la Thatcher und damit die endgültige Abkehr vom "Modell Deutschland" in der Lage sein, das ganz böse Ende zu vermeiden.

Tatsächlich lässt sich nicht ernsthaft bestreiten, dass der deutsche Wohlfahrtsstaat schon bessere Zeiten erlebt hat: Nicht nur die objektiven Rahmendaten wie Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit können sich gegenwärtig im internationalen Vergleich nicht gut sehen lassen – das hässliche Bild vom "Schlusslicht Europas" macht die Runde –, auch die Anziehungskraft des deutschen Arbeitsbeziehungs- und Tarifsystems hat deutlich nachgelassen.

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema