Ausgabe Juni 2004

Vom Modell Deutschland zum Modell Europa

Deutschland steht vor dem wirtschaftlichen Niedergang; es gehört zu der neuesten Spezies, die ökonomische Entwicklungstheoretiker entdeckt haben, nämlich zu den Newly Declining Countries (NDC), jenen Ländern, die ihre Position an der Spitze der hoch entwickelten Volkswirtschaften wohl nicht werden halten können. Diesen Eindruck muss man jedenfalls gewinnen, wenn man das Getöse der Politiker und die zunehmend schärfer und wehklagender werdenden Kommentare der Medien und ihrer selbst ernannten Wirtschaftsexperten hört.1 Obwohl der Weg des Niedergangs angeblich bereits vorgezeichnet ist, soll allenfalls eine scharfe Umkehr, nämlich die dramatische Reform der Sozialsysteme und des Arbeitsmarktes, kurzum: eine Wende à la Thatcher und damit die endgültige Abkehr vom "Modell Deutschland" in der Lage sein, das ganz böse Ende zu vermeiden.

Tatsächlich lässt sich nicht ernsthaft bestreiten, dass der deutsche Wohlfahrtsstaat schon bessere Zeiten erlebt hat: Nicht nur die objektiven Rahmendaten wie Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit können sich gegenwärtig im internationalen Vergleich nicht gut sehen lassen – das hässliche Bild vom "Schlusslicht Europas" macht die Runde –, auch die Anziehungskraft des deutschen Arbeitsbeziehungs- und Tarifsystems hat deutlich nachgelassen.

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Aktuelle Ausgabe Januar 2020

In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

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