Ausgabe Dezember 2005

Ceuta und Melilla: EU-Entrechtungsmanagement

Für kurze Zeit waren die Tragödien, die sich tagtäglich an den Außengrenzen der EU ereignen, wieder in der öffentlichen Diskussion. Vom „Sturm auf Europa“ war die Rede. Die wiederholten Versuche hunderter Migrantinnen und Migranten, gemeinsam den doppelten Zaun um die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla in Marokko zu überwinden, schafften es Anfang Oktober in die Abendnachrichten in Europa.

Dabei besteht diese Situation schon seit langem. Hunderte Einwanderer, die oft monatelang durch ganz Afrika gereist sind, leben in selbst organisierten Lagern rund um Ceuta und Melilla und bereiten sich dort auf die Überwindung des EU-Grenzzauns vor. Wer die Grenzbefestigungen überwunden hat, befindet sich auf europäischem Territorium und kann formal – sofern das Herkunftsland nicht zur Rücknahme bereit ist oder wenn Asylgründe vorliegen – nicht einfach zurückgeschickt werden.

Doch für viele endete das monatelange Warten nicht auf der europäischen Seite des Zauns, sondern in einer Tragödie: Nach offiziellen Angaben kamen 11 Migranten ums Leben – sie wurden erschossen oder starben an ihren Verletzungen durch Stacheldraht und Stürze. Viele wurden einfach durch das kleine Tor im Zaun ohne rechtliches Verfahren wieder auf marokkanisches Territorium befördert.

Sie haben etwa 13% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 87% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Fossilistischer Kolonialismus

von Friederike Otto

Die Erderhitzung vernichtet schon heute weltweit die Lebensgrundlagen vieler Menschen – allen voran jener, die ohnehin benachteiligt sind. Wir müssen die Klimakrise auch als Gerechtigkeitskrise begreifen – und die ihr zugrundeliegenden Machtstrukturen transformieren.

Globales Elend und die Diktatur der Superreichen

von Ute Scheub

Sie düsen in Privatjets um die Welt, um Immobilien und Konzernketten an sich zu reißen. Sie kaufen ganze Landschaften und Inseln, um sich dort im größten Luxus abzukapseln. Sie übernehmen Massenmedien, um sich selbst zu verherrlichen und gegen Arme und Geflüchtete zu hetzen.