Ausgabe Juni 2005

Feindbildwechsel in Serbien

Die ethnonationalen Weltbilder, die während der Kriege im zerfallenen Jugoslawien mobilisiert wurden, umfassten neben der Konstruktion eigener Identitäten stets auch die Zuschreibung von äußeren Freund- und Feindbildern. So gab in Kroatien am Anfang der 90er Jahre ein populärer Schlager mit dem Titel "Danke Deutschland" dem Glauben der Kroaten an eine innige Verbindung mit den Deutschen Ausdruck. Gefeiert wurde Deutschland nicht nur für die vorwärts preschende Rolle der christlich-liberalen Koalition unter Kanzler Helmut Kohl und seinem Außenminister Hans-Dietrich Genscher bei der kontroversen Durchsetzung einer schnellen völkerrechtlichen Anerkennung Kroatiens Ende 1991. Im Subtext war die kroatische Deutschfreundlichkeit immer auch mit der Erinnerung an die Etablierung des ersten unabhängigen kroatischen Nationalstaates verbunden, der während der deutschen Besatzungsherrschaft im Zweiten Weltkrieg proklamiert wurde. Die Verbindung zwischen Kroaten und Deutschen galt in dem kleinen Land zwischen Adria und Donau als gleichsam überhistorisch und unverbrüchlich.

Unter umgekehrten Vorzeichen verlief die Aktivierung der Geschichtsbilder aus dem Zweiten Weltkrieg in Serbien. Galten Deutschland und Österreich aufgrund ihrer damaligen Unterstützung von Kroaten, Albanern und bosnischen Muslimen auch 1991 als "natürliche" Erbfeinde, fungierten "die Juden" als Opfer des Holocaust als Verbündete.

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