Ausgabe Juli 2008

68 - Theorie als Realität

Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen. Theodor W. Adorno

Zwei Beobachter des Revolutionszyklus im 19. Jahrhundert, den sie beide mit der Französischen Revolution 1789 beginnen lassen, bemerken, das Bewusstsein der Teilnehmer wäre von heroischen Illusionen geprägt gewesen (Karl Marx) und die Geschichte würde immer einen ungeheuren Lärm machen, dabei seien jedoch meist die Resultate geringfügig bis lächerlich (Jakob Burckhardt). Ähnlich ist es mit 1968: Die Akteure wähnten sich im Strom der sozialistischen Weltrevolution, ihre Aktionen waren glanzvolle Aufführungen symbolischer Macht, als ob sie Material für die Soziologie Pierre Bourdieus hätten liefern wollen. Ganz als ob sie andererseits Marx bestätigen wollten, führten sie sich auf wie alle bürgerlichen (und somit nicht proletarischen) Revolutionen: Sie “bedurften der weltgeschichtlichen Rückerinnerungen, um sich über ihren eigenen Inhalt zu betäuben. [Sie] stürmen rasch von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich, Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefasst, die Extase ist der Geist jedes Tages; aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht und ein langer Katzenjammer erfasst die Gesellschaft, ehe sie die Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt.

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Aktuelle Ausgabe Januar 2020

In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

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