Ausgabe Juli 2008

68 - Theorie als Realität

Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen. Theodor W. Adorno

Zwei Beobachter des Revolutionszyklus im 19. Jahrhundert, den sie beide mit der Französischen Revolution 1789 beginnen lassen, bemerken, das Bewusstsein der Teilnehmer wäre von heroischen Illusionen geprägt gewesen (Karl Marx) und die Geschichte würde immer einen ungeheuren Lärm machen, dabei seien jedoch meist die Resultate geringfügig bis lächerlich (Jakob Burckhardt). Ähnlich ist es mit 1968: Die Akteure wähnten sich im Strom der sozialistischen Weltrevolution, ihre Aktionen waren glanzvolle Aufführungen symbolischer Macht, als ob sie Material für die Soziologie Pierre Bourdieus hätten liefern wollen. Ganz als ob sie andererseits Marx bestätigen wollten, führten sie sich auf wie alle bürgerlichen (und somit nicht proletarischen) Revolutionen: Sie “bedurften der weltgeschichtlichen Rückerinnerungen, um sich über ihren eigenen Inhalt zu betäuben. [Sie] stürmen rasch von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich, Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefasst, die Extase ist der Geist jedes Tages; aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht und ein langer Katzenjammer erfasst die Gesellschaft, ehe sie die Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt.

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Aktuelle Ausgabe Dezember 2020

Joe Biden heißt der Sieger dieser historischen US-Präsidentschaftswahl. In der Dezember-Ausgabe beleuchten die Politikwissenschaftler Peter Beinart und Albena Azmanova, der Ökonom Marshall Auerback sowie die Journalistin Elaine Godfrey die Gründe für Trumps Niederlage sowie die gewaltigen Herausforderungen, vor denen der designierte Präsident und dessen Partei stehen. Die Ökonomin Mariana Mazzucato plädiert dafür, in der Coronakrise die Weichen für die Schaffung einer inklusiveren und nachhaltigeren Wirtschaftsweise zu stellen. »Blätter«-Redakteurin Annett Mängel legt dar, wie eine resonanzstarke Minderheit von Ärzten die Pandemie verharmlost und so den Coronaleugnern in die Hände spielt. Und die Journalistin Cinzia Sciuto sowie der Philosoph Pascale Bruckner plädieren für einen deutlich kritischeren Umgang mit dem Islamismus – gerade seitens der Linken.

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