Ausgabe Juli 2008

68 - Theorie als Realität

Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen. Theodor W. Adorno

Zwei Beobachter des Revolutionszyklus im 19. Jahrhundert, den sie beide mit der Französischen Revolution 1789 beginnen lassen, bemerken, das Bewusstsein der Teilnehmer wäre von heroischen Illusionen geprägt gewesen (Karl Marx) und die Geschichte würde immer einen ungeheuren Lärm machen, dabei seien jedoch meist die Resultate geringfügig bis lächerlich (Jakob Burckhardt). Ähnlich ist es mit 1968: Die Akteure wähnten sich im Strom der sozialistischen Weltrevolution, ihre Aktionen waren glanzvolle Aufführungen symbolischer Macht, als ob sie Material für die Soziologie Pierre Bourdieus hätten liefern wollen. Ganz als ob sie andererseits Marx bestätigen wollten, führten sie sich auf wie alle bürgerlichen (und somit nicht proletarischen) Revolutionen: Sie “bedurften der weltgeschichtlichen Rückerinnerungen, um sich über ihren eigenen Inhalt zu betäuben. [Sie] stürmen rasch von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich, Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefasst, die Extase ist der Geist jedes Tages; aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht und ein langer Katzenjammer erfasst die Gesellschaft, ehe sie die Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt.

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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