Ausgabe Juni 2008

Die neue Lust an der Masse

Ob Fußball-Europameisterschaft oder Olympiade, auf eines ist Verlass: die Lust an der Masse. Spätestens dann, wenn in Wien, Berlin oder anderen Städten Europas zu den Finalpartien Ende Juni zum sogenannten public viewing wieder große Fanmeilen errichtet werden, dürften Hunderttausende auf den Beinen sein und sich Fähnchen schwenkend dem Bad in der Menschenmenge hingeben.

Nur der Intellektuelle steht regelmäßig abseits und stellt sich die alte Frage: Was soll daran lustvoll sein? Noch immer löst die anonyme, ziellose Masse bei ihm eher Abwehr und Ängste aus. Der zu Empfindliche meidet öffentliche Verkehrsmittel, könnte er doch auf allzu viele, undisziplinierte Leute stoßen, die vielleicht, über die körperliche Berührung hinaus, auch noch riechen, schwitzen und viel zu laut sind. Aufgrund zu großer Menschendichte auch nur versehentlich angeschubst zu werden, empfinden manche schon als Übergriff und erwarten eine Entschuldigung.

Der Mensch des Geistes, der etwa einen massenpsychologischen Essay liest, liebt das einsame und ruhige Vergnügen, will sich hineinvertiefen, von niemandem stören lassen. Er sucht Erkenntniszuwachs, schätzt geistige Autonomie. Die Masse liebt er nur unter dem Vorbehalt, dass sie diszipliniert ist und sich an zivilisatorische Spielregeln hält. Berechenbarer und deshalb verlässlicher erscheint die Elite. Sie gilt als rational und kultiviert. Die Masse hingegen als dumpf und irrational.

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