Ausgabe Mai 2009

Dort laufen die Mörder frei herum: Philip Kerr - Das Janusprojekt

In diesem Monat begeht die Bundesrepublik ihren 60. Geburtstag. Sie hat sich während des Kalten Krieges als das deutlich bessere Modell einer nachnationalsozialistischen Staatsgründung erwiesen als die DDR, die vor 20 Jahren auslief wie eine undichte Badewanne. Dieses späte Ansehen war indes nicht von Anfang an absehbar: In der kürzlich im Fernsehen gezeigten, überzeugenden Verfilmung von Marcel Reich-Ranickis Autobiographie wird das Publikum Zeuge des Streits zwischen dem vom Nationalsozialismus tödlich bedrohten und vom Stalinismus geschurigelten Autor und seiner Frau. Sie weist seine Entscheidung, nach Freilassung aus polnischer Haft nicht in die DDR, sondern in die einige Jahre zuvor gegründete Bundesrepublik zu emigrieren, empört zurück. Teofila Reichs Protest war – nicht nur aus der Sicht überlebender Juden – nur zu verständlich. Denn dort, so sagte sie, „laufen die Mörder frei herum.“

Wer sich die frühe Geschichte dieses Staates nüchtern und ohne Verklärung vor Augen bringen will, kann diesmal zu einem Krimi greifen. Gewiss, Kriminalromane dienen in erster Linie der Unterhaltung – literarisch rangieren sie von hoher Kunst bis zum Schund. Eines aber zeichnet sie vor vielen anderen Literaturgattungen aus: ihre besondere Nähe zu dem, was gemeinhin für (gesellschaftlichen) Alltag gehalten wird.

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