Ausgabe Oktober 2009

Anschluss als Revolution

Ein Rückblick auf die deutsche Vereinigung

Ob das nicht „irgendwie wahnsinnig“ sei, dass sie – eine Ostdeutsche – nur zehn Jahre nach der Wiedervereinigung Helmut Kohl als Chef der Christlich-Demokratischen Union abgelöst habe, fragte im Herbst 2000 Arno Luik, einer der besten Interviewpartner in der deutschen Presse, Angela Merkel. – Ach, das sei eine westdeutsche Sicht, antwortete sie: „Aus Ost-Sicht ist das viel weniger beachtlich.“ Da sei es weitaus eher „Wahnsinn, dass der Kalte Krieg überwunden, dass die Mauer gefallen ist!“

„Wahnsinn“ wurde für das Jahr nach dem 9. November 1989 zu einem alltäglichen Schlüsselwort, das unsere nun ungehinderten Wege in den je anderen Teil Deutschlands begleitete: Niemand hatte ja den Mauerfall vorhergesehen, niemand hatte ihn geplant – auch die ostdeutsche Öffnung der Grenzübergänge in der Berliner Mauer, mit der Antwort des Parteifunktionärs Schabowski auf eine Journalistenfrage, wirkte wie ein Betriebsunfall.

Erstaunlich bleibt übrigens noch heute die undramatische Alltäglichkeit, mit der Angela Merkel – die eher unpolitische Naturwissenschaftlerin aus protestantischem Pfarrershause – diesen historischen Moment erinnert. Auf die Frage, wie sie den Mauerfall erlebt habe, antwortet die künftige Bundeskanzlerin: „Wunderbar. Ich war in der Sauna.

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