Ausgabe Oktober 2009

Anschluss als Revolution

Ein Rückblick auf die deutsche Vereinigung

Ob das nicht „irgendwie wahnsinnig“ sei, dass sie – eine Ostdeutsche – nur zehn Jahre nach der Wiedervereinigung Helmut Kohl als Chef der Christlich-Demokratischen Union abgelöst habe, fragte im Herbst 2000 Arno Luik, einer der besten Interviewpartner in der deutschen Presse, Angela Merkel. – Ach, das sei eine westdeutsche Sicht, antwortete sie: „Aus Ost-Sicht ist das viel weniger beachtlich.“ Da sei es weitaus eher „Wahnsinn, dass der Kalte Krieg überwunden, dass die Mauer gefallen ist!“

„Wahnsinn“ wurde für das Jahr nach dem 9. November 1989 zu einem alltäglichen Schlüsselwort, das unsere nun ungehinderten Wege in den je anderen Teil Deutschlands begleitete: Niemand hatte ja den Mauerfall vorhergesehen, niemand hatte ihn geplant – auch die ostdeutsche Öffnung der Grenzübergänge in der Berliner Mauer, mit der Antwort des Parteifunktionärs Schabowski auf eine Journalistenfrage, wirkte wie ein Betriebsunfall.

Erstaunlich bleibt übrigens noch heute die undramatische Alltäglichkeit, mit der Angela Merkel – die eher unpolitische Naturwissenschaftlerin aus protestantischem Pfarrershause – diesen historischen Moment erinnert. Auf die Frage, wie sie den Mauerfall erlebt habe, antwortet die künftige Bundeskanzlerin: „Wunderbar. Ich war in der Sauna.

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der Lieferketten-Backlash – und was trotzdem bleibt

von Armin Paasch, Miriam Saage-Maaß

Nach langem Ringen hat das Europäische Parlament am 16. Dezember 2025 dem sogenannten Omnibus-I-Paket zugestimmt, das zentrale Regelwerke des European Green Deal »vereinfachen« soll. Tatsächlich hat die Europäische Volkspartei damit allerdings nicht vereinfacht, sondern vielmehr die »Brechstange« (Manfred Weber, CSU) an die EU-Lieferkettenrichtlinie angesetzt.