Ausgabe Januar 2010

Jörg Huffschmid (1940-2009)

Im letzten Jahr der Großen Koalition mit „Plüsch und Plum“, Karl Schiller als Bundeswirtschaftsminister und Franz-Josef Strauß als Bundesfinanzminister, erschien 1969 in der Edition Suhrkamp ein Buch mit dem programmatischen Titel „Die Politik des Kapitals“ über die Wirtschaftskonzentration und -politik in der Bundesrepublik. Darin wurde zwingend nachgewiesen, dass ungeachtet der neu entdeckten „Globalsteuerung“ das Allgemeininteresse den Gewinninteressen von machtvollen Großunternehmen untergeordnet bleibt. Der Wirtschaftstheoretiker entlarvte die hoch gelobte Marktwirtschaft als monopolistisch vermachtetes System. Dieses Buch wurde schnell zur „Bibel“ innerhalb der sich neu formierenden Linken, mit Bedeutung weit über die Studentenbewegung hinaus. Es stammte aus der Feder des damals gerade 29jährigen Jörg Huffschmid, der am 5. Dezember 2009 nach schwerer Krankheit verstorben ist.

Aus der riesigen Fülle seiner Publikationen sollte ein zweites Buch herausragende Bedeutung erhalten. 1999 legte er seine „Politische Ökonomie der Finanzmärkte“ vor (die 2002 in erweiterter und aktualisierter Neuauflage erschien). Damit gehörte Jörg Huffschmid zu den wenigen, die den Absturz des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus und damit die heutige Finanzmarktkrise vorhergesehen haben. Schade, dass das Buch von den politisch Verantwortlichen und vor allem von den Bankern vollständig ignoriert wurde. Seine Lektüre hätte manches verhindern können.

Der Name Jörg Huffschmid steht für kompromisslose, exzellent fundierte Analyse der ökonomisch, sozial und ökologisch selbstzerstörerischen Kräfte einer entfesselten Profitwirtschaft. Sein gewaltiger Einsatz als Forscher und Publizist hat ihn weit über die Grenzen Deutschlands hinaus berühmt gemacht. Der international aktive Wissenschaftler genoss große Anerkennung im Ausland; noch im Sommer 2009 lehrte er an der Universität Wien.

Er bleibt aber auch vielen Studierenden als begnadeter Hochschullehrer in Erinnerung. 1973 wurde er Professor für Politische Ökonomie und Wirtschaftspolitik an der Universität Bremen. Ich erinnere mich, wie nach der Anhörung Walter Jens, der damals dem Senat angehörte, auf mich zustürmte, um seine Begeisterung über diesen Wirtschaftswissenschaftler zu bekunden. In jeder Vorlesung, in jedem Seminar legte Jörg vor Beginn eine Orientierungsskizze vor. Seine so produktive, interdisziplinäre Ausrichtung glich gelegentlich einem „Studium generale“, das an deutschen Universitäten heute zum Fremdwort geworden ist.

Im Januar 1975 wurde Jörg Huffschmid Mitherausgeber der „Blätter“. Im selben Jahr begründete er, zusammen mit Herbert Schui und mir, die „Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik“. Als sogenannte Alternativökonomen wurden wir immer wieder ausgegrenzt. Dennoch gelang es uns, auch ohne staatliche Finanzierung und ohne Sponsoring aus der Wirtschaft, die Memoranden zu einem wichtigen Fokus kritischer Wirtschaftswissenschaft zu machen (für welche die „Memo“-Gruppe 1987, zwölf Jahre nach ihrer Gründung, mit dem ersten Demokratiepreis der „Blätter“ ausgezeichnet wurde).

Jörg Huffschmid folgte dem Credo: Es gibt Alternativen zur sozialen Spaltung der Gesellschaft und zur fortschreitenden Umweltvernichtung. In diesem Sinne wirkte Jörg Huffschmid als echter homo politicus auch in vielen anderen Zusammenhängen der politischen Linken. Als Mitglied in den wissenschaftlichen Beiräten von Attac und Rosa-Luxemburg-Stiftung, als entscheidender Mitbegründer des „Euromemorandums“ und der „Bremischen Stiftung für Rüstungskonversion“ sowie durch zahlreiche weitere Aktivitäten war er ein wichtiger Stichwortgeber, für den institutionellen und außerparlamentarischen Protest ebenso wie für die Vertreter einer radikalen Realpolitik.

Hieran zeigt sich: Der Ökonom Huffschmid nahm den Anspruch des Politischen sehr ernst. Er ließ sich trotz inhaltlicher Anfeindungen nicht entmutigen, auch auf der politischen Bühne Einfluss zu nehmen, zunächst in Bonn und dann in Berlin. Seine wohl wichtigste Beratertätigkeit brachte er in die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur „Globalisierung der Weltwirtschaft“ ein. In den vielen E-Mails, die unmittelbar nach seinem Ableben im Internet kursieren, fällt mir ein Lob besonders auf: Eine Kollegin aus Berlin hebt hervor, dass er in den Abschlussbericht dieser Bundestagskommission an vielen Stellen die Position der Frauen in der Globalisierung eingebracht hat.

In den letzten Jahren wurde ihm der Europa-Diskurs zu einem zentralen Anliegen, woraus (auch) die Gründung des Euromemorandums resultierte. Dieses konzentriert sich auf die Fehlentwicklungen der Europäischen Union unter der Dominanz der Liberalisierung der Märkte. In der Europa-Frage verfocht Jörg Huffschmid seine Ansichten ebenfalls stets engagiert und fair – so etwa auf der Herausgeberkonferenz der „Blätter“ im Jahre 2007 in kontroverser Debatte mit seinem Herausgeberkollegen Jürgen Habermas.

Jörg Huffschmid war mit seinem unermüdlichen Einsatz für eine gerechtere Welt im persönlichen Umgang hartnäckig und damit nicht immer einfach. Wer ihn jedoch näher kannte, der schätzte sein Engagement und seine Freundlichkeit – und seine große Lust am Kochen. Diese konnten die Gäste auf seinem Bauernhof bei Bassum ausgiebig genießen. Alle, die über viele Jahre mit Jörg politisch und menschlich eng verbunden waren, werden diesen großen Streiter für eine bessere Welt sehr vermissen.

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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