Ausgabe Mai 2010

Wie ticken die Reichen?

Reichtum als Determinante sozialer Ungleichheit stand lange im Schatten einer elaborierten sozialwissenschaftlichen und ökonomischen Armutsforschung. Voluminöse Handbücher über „Armut und soziale Ausgrenzung“ verweisen auf die Allgegenwärtigkeit von Armut als soziales Massenphänomen in einem reichen Land.[1] Und daneben gibt es den täglichen Deutungskampf über die unterstellte „spätrömische Dekadenz“ der Armen, über wissenschaftliche „Armutsbemessungsgrenzen“ oder belastbare Zahlen zur „relativen Armut“, von der ein Viertel bis ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland betroffen ist. „Wie eine Gesellschaft ihre Armen sieht und behandelt, ist der Prüfstein dafür, ob sie als human, sozial und demokratisch gelten kann.“ An dieser Vorgabe misst etwa Christoph Butterwegge die deutsche Armuts- und Reichtumspolitik, die nicht losgelöst voneinander zu betrachten seien. Ihm zufolge sind Armut und Reichtum interessengeleitete Begriffe, die zeitgenössischen Wahrnehmungen und Kräfteverhältnissen unterliegen.[2]

Daher kann die von Guido Westerwelle losgetretene Diskussion über Hartz IV nicht nur als grandioses Ablenkungsmanöver vom Versagen des Finanz- und Managerkapitalismus gedeutet werden, sondern auch als wachsende Unsicherheit deutscher „Leistungseliten“.

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Aktuelle Ausgabe März 2020

In der März-Ausgabe analysieren der Ökonom James K. Galbraith, der »Blätter«-Mitherausgeber Claus Leggewie und der Historiker Paul M. Renfro, wie die US-Demokraten Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl im November schlagen könnten. Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann plädiert für die Wiederaneignung des Nationenbegriffs, den sie nicht den Rechten überlassen möchte. Der Umweltaktivist Bill McKibben setzt auf die Kraft der Sonne und des gewaltfreien Protests, um die Klimakrise noch aufzuhalten. Und die Soziologin Christa Wichterich beobachtet eine neue Welle transnationaler feministischer Bewegungen im Kampf für Geschlechtergerechtigkeit.

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