Ausgabe Dezember 2012

Rommel gerührt und Petraeus geschüttelt

Was für ein erhebendes Erlebnis: Uns ist ein Kriegsheld auferstanden, fast zu der halben Nacht. Und der Dank gebührt niemand anderem als dem Ersten Deutschen Fernsehen und seiner grandiosen Historienabteilung namens „Teamworx“. Diese bescherte uns jüngst ihre neueste Ausgabe des „Historienstadls mit Massenmördern“ („Der Tagesspiegel“) – in diesem Fall mit Erwin Rommel, dem legendären Wüstenfuchs, in einer kongenialen Neuverfilmung mit Ulrich Tukur.

Es war schlichtweg begeisternd, wie einer der beliebtesten deutschen Schauspieler einen hoch-sympathischen, hoch-anständigen Soldaten gab, der sich in den letzten sieben Monaten seines Lebens mutig gegen Hitlers Hofschranzen und Speichellecker zur Wehr setzte. Es gibt ihn also doch, den guten Nazi-General! Hatten wir es insgeheim nicht immer gewusst?

Umso ironischer, dass ausgerechnet die Enkelin des Generalfeldmarschalls im Vorfeld eine zu kritische Darstellung ihres Großvaters befürchtet hatte – als „Günstling, Emporkömmling und Naziverbrecher“. Nein, davon kann ganz und gar nicht die Rede sein. Wer sich jedoch die Mühe machte, auch die folgende Dokumentation zu schauen, der konnte sein braunes Wunder erleben. In den Originalaufnahmen präsentierte sich dort kein Kosmopolit vom Schlage Tukurs, sondern ein ehrgeiziger Kommisskopp und treuer Anhänger Adolf Hitlers, der sich gerne von Joseph Goebbels zum Inbegriff des schneidigen Generals aufbauen ließ.

Was lernen wir daraus? Bei zukünftiger Betrachtung der deutschen Geschichte empfiehlt es sich, immer nur das Ende einzublenden – und alles andere aus. Was kümmert uns 1933 ff., wenn wir 1945 haben? Denn wer am Ende den Schierlingsbecher trinken muss, darf sich des Mitgefühls gewiss sein. Derart verkürzt müsste doch eigentlich auch aus den Abgängen von Göring, Hitler und Himmler noch einiges raus zu holen sein; im Falle von Rudolf Heß schaffen es die Kameraden von der NPD doch schließlich auch?

Einem anderen, nicht minder bedeutenden General war ein derartiges Happy End dagegen nicht vergönnt. Dabei handelt es sich bei diesem keineswegs um einen typischen Landser, sondern, jedenfalls dem Äußeren nach, eher um einen Intellektuellen. Natürlich, Sie ahnen es, von General David Petraeus ist die Rede, vormals Befehlshaber der US-Streitkräfte in Irak und Afghanistan, anschließend Chef der CIA und als solcher oberster Drohnenkrieger. Der „heilige Petraeus“ lautete einer seiner Spitznamen. Sein schönster Satz: „Haltung beweist sich in dem, was Du machst, wenn Dir keiner zuschaut.“

Leider, leider wurde, anders als im Falle Rommels, dieses Bild eines makellosen Soldaten seinen eigenen hehren Ansprüchen am Ende nicht gerecht. Gefallen nicht auf dem Felde der Ehre im Dienste der Aufstandsbekämpfung, sondern über seine hingebungsvolle Biographin Paula Broadwell, die „Lewinsky des Pentagon“, und den Aufstand der eigenen Lenden – wie über die aufklärerische Konkurrenz vom FBI. Nun, heißt es, sitzt der arme Mann zu Haus und wird von seiner wütenden Ehegattin zur Minna gemacht. Vielleicht sollte er sich ja auch einmal an die Fernsehhelden von „Teammurx“ wenden. Mit Sicherheit verschaffen ihm diese ein passendes Happy End. Man sieht es bereits vor sich, das epochale Drama: Der stolze Kriegsgott Mars in der Falle der bösen Liebesgöttin Venus. Wer säße da nicht gerne und immer wieder „in der ersten Reihe“.

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