Ausgabe Februar 2013

Quotentabu

Da hat sich das allseits geschätzte Magazin für „Fakten-Fakten-Fakten“ in seiner Jubiläumsausgabe aber mal so richtig aus der Deckung gewagt. Zwölf „starke Frauen“ brechen im „Focus“ ein gesellschaftliches „Tabu“ und „rebellieren gegen Staats-Diktat und Gleichmacherei“: „Wir wollen keine Frauen-Quote!“ Was für ein Bekennermut!

Die 374 Frauen, die vor 42 Jahren auf dem Titelblatt des „Stern“ erklärten, abgetrieben zu haben, taten dies trotz drohender Strafsanktionen. Die „erfolgreichen Frauen“ des Jahres 2013 jedoch fürchten vor allem eines: Das Stigma, als „Quotenfrau belächelt zu werden“. Die Biologin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard bangt gar um ihre „Würde“: „Denn jede Frau in einer Leitungsposition würde zur Quotenfrau. Das ist ein Stigma, das sich auch durch hervorragende Leistungen nicht tilgen lässt.“

Welch’ eine Schmach das doch wäre für die Streiterinnen der Selbstanstrengung! Wie gut, dass sich unter ihnen gleich eine Reihe von Unternehmenserbinnen findet, die ganz allein durch ihrer Hände Arbeit ihr Imperium aufgebaut haben. Oder Kristina Schröder, die es bekanntlich ganz ohne innerparteilichen Quotendruck auf einen Ministerposten geschafft hat. Seitdem hält sie es mit Katharina Wagner, der Herrin auf dem Grünen Hügel des Wagnerclans in Bayreuth, die dem „Focus“ verriet: „Die Mädels meiner Generation haben eine solche Quote überhaupt nicht nötig. Sie sind gut ausgebildet und tough im Job.“ Die Quote, stößt Schröder ins gleiche Horn, sei ein „Instrument aus den 70ern“, das bloß zu „neuen Ungerechtigkeiten“ führe. Wie schön, dass sich unsere Frauenministerin doch immer wieder zuerst um die Männer sorgt.

Froh darüber, dass sie „hier ohne Quote“ sitze, ist auch Julia Jäkel, die neue Vorstandsfrau von Gruner + Jahr. „Wir brauchen keine Quote, wir leben das“, gab sie am 17. November vorigen Jahres in der „Quoten-taz“ als Motto ihres Unternehmens aus. Ja, sogar mehr noch: Der „Stern“ wolle ganz aus sich heraus die Hälfte der Führungspositionen mit Frauen besetzen. Na dann mal los, denkt frau sich da!

Zunächst erweckte Jäkel in der Tat den Anschein, endlich die männerdominierte Medienwelt aufmischen zu wollen. Nachdem sie zum Einstieg kurzerhand die „Financal Times Deutschland“ samt ihres Chefredakteurs um die Ecke brachte, entließ sie danach auch gleich noch die beiden Chefredakteure des „Stern“, die in 14 Jahren an der Spitze auch nicht weiter aufgefallen waren.

Natürlich nur, um eine fähige Frau an ihre Stelle zu setzen. Aber nicht doch, weit gefehlt: Auch der neue „Stern“-Chef ist, natürlich, ein Mann. Potzblitz, Julia Jäkel also ganz allein auf weiter Flur? Gibt es denn gar keine ebenbürtige Frau weit und breit? Wohl kaum.

Doch offenbar können Frauen heute nicht einmal darauf zählen, von ihresgleichen gefördert zu werden. Frauensolidarität, das war einmal. Diejenigen, die erst „oben“ angekommen sind, schauen nicht mehr zurück, sondern sonnen sich im Glanz ihrer „Leistung“ – und der erbrachten Opfer. Schließlich ist Verantwortung kein Zuckerschlecken. Dafür muss man auch kämpfen wollen – und wer das nicht will, hat eben Pech gehabt. Denn wie weiß Julia Jäkel: „Wer gut und pfiffig ist, der kommt voran.“

Da freut sich die Männermannschaft vom „Focus“, einen solchen Coup gelandet zu haben. Frauen stellen anderen Frauen ein Bein. Und die Vorkämpfer der gerechten Leistungsgesellschaft lachen sich derweil ins Fäustchen.

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