Ausgabe März 2013

Die größten Storys des 20. Jahrhunderts

Wenn heute unter Eingeweihten von Tony Judt die Rede ist, wird das Bild des großen Historikers, der mit dem Erscheinen seiner Geschichte Europas endgültig aus dem engen Kreis der Fachwissenschaftler ins Rampenlicht einer internationalen Öffentlichkeit getreten war, unweigerlich von seinem tragischen Tod überlagert: Auf dem Höhepunkt seines Schaffens traf ihn die unheilbare Nervenkrankheit ALS und ließ seinen Körper rasant verfallen. Bei klarem Verstand konnte er zuerst die Tür nicht mehr öffnen, dann nicht mehr gehen und am Ende nur noch mit Hilfe technischer Apparate atmen.

Seine geplante – und in seinem Kopf längst existierende – Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts schien für immer verloren. Erst nach seinem Tod wurde nun ein Gesprächsbuch publiziert, das in gewisser Weise sowohl eine Autobiographie als auch Ersatz für das nicht mehr geschriebene Werk ist. Als sachkundiger Helfer erwies sich Timothy Snyder, Autor der eindrucksvollen Geschichtsdarstellung „Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin“. Am 5. Juli 2010 endet das Buch, einen Monat später das Leben des 62jährigen Tony Judt.

„Nachdenken über das 20. Jahrhundert“enthält neun aufschlussreiche Gespräche, beginnend jeweils mit einem autobiographischen Monolog von Tony Judt.

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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