Ausgabe März 2013

Von Heidenröslein bis Herrenwitz

Zu den kulturellen Wurzeln sexualisierter Gewalt

Mehr als jeder andere Vorfall der letzten Jahre hat der Artikel der „Stern“-Journalistin Laura Himmelreich über ihre nächtliche Begegnung mit Rainer Brüderle eine hitzige Debatte über Formen von und Umgang mit Sexismus und sexueller Belästigung in unserer Gesellschaft ausgelöst.[1] Die Auseinandersetzung selbst war überfällig, nicht wenige ihrer Facetten sind jedoch befremdlich. Dazu zählt beispielsweise die Behauptung, die Unterscheidung zwischen Kompliment und Belästigung könne nur Hochbegabten zugemutet werden. Doch auch bei denjenigen, die grundsätzlich bereit sind, Sexismus als gesellschaftliches Problem ernst zu nehmen, ist eine große Müdigkeit zu spüren. Passend zu dem Umstand, dass „Opfer“ schon seit Jahren ein Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen ist und die Diffamierung durch Begriffe wie „Opferindustrie“ und „Opferabo“ inzwischen auch das Feuilleton erreicht hat, wird eine einfache Lösung verlangt: Frauen sollten den Spieß doch schlicht umdrehen, dem Mann auf Augenhöhe begegnen und aus der (zugeschriebenen) Rolle des Objekts heraustreten.

Individuelles Problem oder gesellschaftliche Struktur?

So nachvollziehbar diese Wunschvorstellung zunächst zu sein scheint, so realitätsfern ist sie. Könnte die zugeteilte Position jederzeit verlassen werden, wäre es ein Spiel und kein Machtverhältnis.

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (3.00€)
Digitalausgabe kaufen (9.50€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema