Ausgabe Juli 2016

Postkoloniale Denkmalkämpfe

Es ist ein wichtiger Schritt in der Geschichte genozidaler Verbrechen und ihrer Aufarbeitung: Der Deutsche Bundestag hat den Völkermord an den Armeniern einen solchen genannt – und zwar trotz massiver Proteste der türkischen Regierung. Was in der öffentlichen Debatte ob der Fokussierung auf die Türkei allerdings viel zu kurz kam, ist die Rolle des kolonialen Europa in der Geschichte genozidaler Gewalt. Hier ist etwa zum einen die Komplizenschaft des deutschen Kaiserreichs zu nennen, aber auch der zehn Jahre früher verübte Völkermord an den Herero und Nama. Darauf nachdrücklich hinzuweisen und die erforderlichen Konsequenzen zu ziehen,[1] wird jedoch immer wichtiger, da wir längst in eine andere Epoche eingetreten sind, nämlich die des Postkolonialismus.

Die Welt, die Europa kolonisierend geschaffen hat, tritt heute den Gegenbesuch an, sie klopft sprichwörtlich an seine Türen: Es sind nicht nur die Geflüchteten, deren überwältigende Mehrheit aus den Krisenregionen des Nahen und Fernen Ostens oder des nördlichen wie zentralen Afrikas stammt – also aus Weltgegenden, die allesamt in den letzten zweihundert Jahren zumindest eine Zeit lang unter europäischer Herrschaft standen. Es sind auch die gut betuchten Vertreter Chinas, Indiens oder Brasiliens, die mittlerweile Europa auf jenem Weltmarkt Konkurrenz machen, den es in der Kolonialzeit selbst erst geschaffen hat.

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