Ausgabe September 2017

Charlottesville: Der neue Kulturkrieg

Die Memoiren von William Tecumseh Sherman, dem Nordstaaten-General aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg zwischen 1861 und 1865, bilden eine unbehagliche Lektüre. Sherman wandte sich gegen die Emanzipation der Sklaven, sabotierte die Bemühungen seiner eigenen Truppen zu ihrer Befreiung und nutzte Sklavenarbeit beim Bau seiner Befestigungen. Doch tat er etwas, von dem wir im Licht des faschistischen Aufmarsches in Charlottesville lernen können. Er zeigte sich kompromisslos gegenüber seinen Feinden: Da der Süden den Krieg als Heilmittel gewählt habe, „sage ich: Geben wir ihnen alles was sie wollen“.

Niemand, der die Milizen mit Sturmgewehren und Kevlarwesten in Charlottesville gesehen hat, kann wollen, dass die USA in einen Konflikt abgleiten. Aber die politische Gewalt niedriger Intensität und die schweren kulturellen Verwerfungen in den heutigen USA zeigen offensichtliche Parallelen zu den Jahren vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg. In den späten 1850ern, so die Beobachtung des Historikers Allan Nevins, war das weiße Amerika in „zwei Völker“ zerfallen, deren radikal verschiedene kulturelle Identitäten nicht länger in einem Gemeinwesen integriert werden konnten. Diese „zwei Völker“ waren geprägt von rivalisierenden ökonomischen Modellen: Industrie und freier Markt versus Naturalpacht und Sklaverei.

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