Ausgabe August 2018

Solidarität und Heimat

Wer vom Kapitalismus reden will, sollte von Migration und Heimatverlust nicht schweigen

Bild: REHvolution.de / photocase.com

Unlängst erschien ein gemeinsamer Aufruf von kritnet, medico international und dem Institut Solidarische Moderne mit dem markant-knackigen Titel: „Solidarität statt Heimat“.[1] Neben etlichem anderen, was in diesem Aufruf durchaus problematisch ist, verkennt er schon in seinem Titel das Entscheidende: Wer heute über Migration spricht, muss auch über den Kapitalismus sprechen – und über den Verlust und die Aneignung von Heimat. 

Denn kapitalistische Entwicklung produziert grundsätzlich Migrationsbewegungen: Die Voraussetzung des Kapitalismus ist die Existenz einer Klasse von Menschen, die nichts besitzen außer sich selbst und auf den Verkauf ihre Arbeitskraft als Ware angewiesen sind – und damit auch darauf, ihre Heimat der Not gehorchend zu verlassen. 

Historisch entstand der Kapitalismus in England als Agrarkapitalismus mit Bauernlegungen: Aus Klein- und Subsistenzbauern wurden plötzlich eigentumslose Landarbeiterinnen und Landarbeiter. Der Prozess der Schaffung dieser Klasse von Eigentumslosen war ein höchst gewaltsamer. Zu ihm gehört auch die Einhegung des Gemeindelandes, der Allmende, die es Menschen bis dahin ermöglicht hatte, Zugang zum Produktionsmittel Land zu besitzen. Zugleich legte der Agrarkapitalismus die Grundlagen für die kapitalistische Industrialisierung und Urbanisierung, das aber heißt, Binnenmigration war die unweigerliche Folge.

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Druckausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2020

In der April-Ausgabe analysiert der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel, wie die Corona-Krise die große Erzählung vom Segen der Globalisierung endgültig entzaubert. Der Ökonom Thomas Piketty widmet sich der Ideologie der Ungleichheit und zeigt: Das Aufstiegsversprechen westlicher Gesellschaften ist nicht länger tragfähig. Der Historiker Yoni Appelbaum erkennt im demographischen Wandel in den USA einen zentralen Treiber für den wachsenden Hass in der amerikanischen Gesellschaft. Der Migrationsforscher Mark Terkessidis geht den kolonialen Wurzeln des Rassismus auf den Grund. Und die Juristin und »Blätter«-Mitherausgeberin Rosemarie Will würdigt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidassistenz.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema