Ausgabe April 2019

Buen Vivir – auch im globalen Norden?

Bild: micjan / photocase.de

Jairo Fuentes liegt in einer Hängematte, als eine Handvoll Soldaten auf ihn zukommen. „Wir sind hier, um die Einwohner zu zählen“, sagt einer der Soldaten zu ihm. Er meint die Dorfgemeinschaft Tamaquito, rund 32 Familien, die in Häusern aus Holz und Lehm im Urwald leben. Tamaquito zählt sich zu den Wayúu, einer indigenen Kultur in der Region La Guajira im Nordosten Kolumbiens. Die Menschen hier leben von Fischfang und Jagd, bauen Mais, Melonen und Bohnen an, sammeln wilde Früchte und halten Hühner, Schweine, Kühe, Ziegen, Pferde.

Fuentes weiß, in wessen Auftrag die Soldaten hier sind. Vier Kilometer entfernt liegt der Krater des größten Kohletagebaus der Welt, er frisst sich mit Sprengungen täglich zwei bis drei Hektar voran, um Kohle freizulegen, die nach Deutschland, England, Japan, in die USA ausgeführt wird. Tamaquito und Fuentes’ Hängematte sind dem Betreiberunternehmen Cerrejón im Weg.

„Das müssen wir erst intern diskutieren“, antwortet Fuentes dem Soldaten. „Dann sehen wir weiter“, sagt er. Der Soldat zieht ab. Und die Gemeinschaft Tamaquito kommt zu dem Urteil: „Wir können nicht zulassen, dass ein Konzern unseren Reichtum aus dem Land schafft.“ Die Dorfgemeinschaft verweigert den Dialog mit dem Kohleunternehmen, denn sie sagen sich: „Wir haben hier alles, was wir zum Leben brauchen.

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