Ausgabe Juli 2020

Philosophen gegen die Bombe

Wie wir der herrschenden Apokalypseblindheit trotzen

In der Coronakrise scheint es die größte Sorge der Politiker zu sein, die Gesundheit der Menschen und vor allem die der Alten und Kranken zu schützen. Zugleich wird im Hintergrund eine unvergleichlich größere Bedrohung der gesamten Bevölkerung weitgehend ignoriert, nämlich die aktuelle Modernisierung der „nuklearen Teilhabe“ im Rahmen einer neuen Aufrüstung. Die Bundeswehr soll damit in ein Konzept eingebunden bleiben, das die Möglichkeit des atomaren Erstschlags innerhalb einer Verteidigungsstrategie für unabdingbar hält. Diese eigenartige Unverhältnismäßigkeit in der Wahrnehmung objektiver Gefahren blendet die beständig lauernde Menschheitsbedrohung der atomaren Vernichtung gänzlich aus. Man muss den Eindruck gewinnen, als seien Atomwaffen für eine breite Öffentlichkeit, abgesehen von einer kritischen Minderheit, zu einem zwar bedenklichen, aber durchaus alltäglichen Mittel politischen Kalküls geworden.[1]

Unmittelbar nach Erfindung und Einsatz der ersten Atombomben am 6. und 9. August 1945 über Hiroshima und Nagasaki war die Lage völlig anders. Damals, in der ersten Phase des Kalten Krieges, war die Nuklearbewaffnung eine, wenn nicht die zentrale Frage der intellektuellen Auseinandersetzung. Geht man die Stellungnahmen der großen Intellektuellen der damaligen Zeit durch – von Bertrand Russell und Günther Anders über Karl Jaspers und Carl Friedrich von Weizsäcker bis zu Albert Schweitzer, Albert Einstein und, aus dem kirchlichen Raum, Helmut Thielicke und Helmut Gollwitzer –, so stößt man zunächst auf einen unerwarteten Tatbestand, nämlich auf die überraschende Einheitlichkeit der Grundaussagen: Die Menschheit befinde sich in einer historisch gänzlich neuartigen Situation der totalen Existenzbedrohung. Diese radikal veränderte Weltlage verlange eine moralisch-politische Umkehr. Das Ziel müsse es sein, eine Art Weltregierung zu etablieren, die nicht nur Atomwaffen abschafft, sondern den Krieg überhaupt beseitigt.

Im angelsächsischen Raum vertrat diese Position vor allem Bertrand Russell. Der Mathematiker und Philosoph, zugleich Nobelpreisträger für Literatur und Aktivist, nahm immer wieder zu politischen Fragen Stellung. Russells Neigung galt dem Pazifismus, aber er war Pragmatiker genug, um während der Phase des US-amerikanischen Atommonopols zwischen 1945 und 1949 vorzuschlagen, man könne diese Waffe als Drohpotential nutzen, um die Sowjets zur Kooperation im Hinblick auf eine internationale öffentliche Kontrolle zu zwingen. Später, und in deutlicher Distanz zu seinen früheren Einlassungen, trat er insbesondere im Kampf gegen die nukleare Aufrüstung Englands hervor; während der Kubakrise 1962 wirkte er mäßigend sowohl auf US-Präsident John F. Kennedy als auch auf den sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita Chruschtschow ein und rief immer wieder erfolgreich zur Zusammenarbeit nichtkommunistischer und kommunistischer Wissenschaftler auf, die der Atombewaffnung kritisch gegenüberstanden.[2] Die „simple, aber lebenswichtige Frage“, so formulierte Russell es 1961, lautet: „Kann eine wissenschaftliche Gesellschaft fortbestehen, oder muss eine solche Gesellschaft sich unbedingt selbst zerstören […] Ich weiß nicht, was für Gräuel uns erwarten mögen, aber es lässt sich nicht bezweifeln, dass der wissenschaftlich gerüstete Mensch, wenn nicht etwas Grundlegendes geschieht, eine zum Untergang verurteilte Spezies ist.“[3]

Blätter-Probeabo

Aus der Schweiz meldete sich vor allem der Existenzphilosoph Karl Jaspers durch einen Rundfunkvortrag im Jahr 1957 und mit der 1958 folgenden umfangreichen Studie über „Die Atombombe und die Zukunft des Menschen“ zu Wort. Jaspers fand sich, vergleichbar mit Russell, in der schwierigen Lage, seine humanistische Ausrichtung mit der Realität des Kalten Krieges in Einklang bringen zu müssen. Da er den kommunistischen Totalitarismus als ebenso großes Verhängnis einstufte wie den Atomkrieg, plädierte er – im Sinne des damaligen deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer – für eine Politik der Stärke und wurde dementsprechend verbreitet als Kalter Krieger angesehen.[4] Doch ihm war ebenso klar wie Russell, dass jede Nutzung des Druck- und Abschreckungspotentials von Nuklearwaffen bestenfalls eine Interimslösung war. Sie erwirke eine zeitlich eng begrenzte Frist, die unter hohem Risiko sehr bald durch vollkommenen Verzicht auf Atomwaffen, ja auf Kriegswaffen überhaupt, genutzt werden müsse. Werde jedoch diese „Atempause“ zur „endgültige[n] Atempause“, so Jaspers, dann sei „wahrscheinlich das Leben der Menschheit verloren und die uns vorstellbare Geschichte zu Ende.“[5] Natürlich sei die Menschheit versucht, das Problem ohne grundlegende Änderung ihres Zusammenlebens in den Griff zu bekommen. Doch: „So billig ist der Ausweg aus dem Unheil nicht.“[6]

Wie sieht es heute damit aus? Leben wir noch immer in dieser Interimsphase einer Galgenfrist, jener Atempause des billigen Auswegs? Jedenfalls sollte erneut jene These geprüft werden, die vor allem Günther Anders, der unermüdliche Warner vor den Gefahren der Atomwaffe, damals vorgebracht hat. Demnach seien wir kaum in der Lage, die Konsequenzen dessen zu erfassen, was wir uns mit dem Besitz von Nuklearwaffen eingehandelt haben. Es gebe eine Art toten Winkel unserer Wahrnehmung, eine Unfähigkeit des gefühlsmäßigen Begreifens, der angemessenen Angst. In „eigentümliche Unsichtbarkeit“ gehüllt, scheine uns die Bedrohung gar nicht zu betreffen. Statt uns angesichts der Riesengefahr gegenseitig die Ohren vollzuschreien,[7] das Thema – wie auch Jaspers forderte – „nicht mehr zur Ruhe kommen zu lassen“,[8] verwendeten wir Nuklearwaffen, um mit ihnen weiterhin im alten Stil unsere Interessen und Parteiziele zu verfolgen.

Günther Anders sprach von unserer „Apokalypse-Blindheit“: „Vor dem Gedanken der Apokalypse streikt die Seele.“[9] Auch Russell nahm auf diese Diskrepanz Bezug. Atavistisch seien unsere Gefühle und politischen Verhaltensweisen an einer langen kriegerischen Vergangenheit orientiert, doch unsere technologischen Errungenschaften hätten uns in eine geschichtliche Situation katapultiert, in der sie keinerlei Sinn mehr machten.[10] Können wir also überhaupt jene Realitätseinsicht gewinnen, die angemessen wäre? Eher, so Karl Jaspers, neigen wir zu einer „Vergessenheit, weil es sonst unerträglich wäre“, so als sei der Untergang der Menschheit unmöglich. Aber: „Alles ist möglich.“[11] Was uns daher, so Anders, in „faszinierender Überdeutlichkeit vor Augen stehen müsste, steht umgekehrt gerade im Mittelpunkt unserer Vernachlässigung“. Von ihm „fortzusehen, fortzuhören, fortzuleben, ist das Geschäft unserer Epoche“. In völlige Unsichtbarkeit getaucht sei die Zukunft. Gerade im Hinblick auf die Nuklearwaffen müsse, wie etwa auch Albert Schweitzer in seinen damaligen Rundfunkvorträgen betonte, der „Faktor Zeit“ berücksichtigt werden.[12] Anders schlug deshalb vor, bereits an das Jahr 2500 zu denken.[13] Können wir, so die weiterhin hoch aktuelle Anfrage, ernsthaft glauben, dass bis dahin, ohne grundsätzliche Änderung unserer politischen Gepflogenheiten, keinerlei atomare Auseinandersetzung stattgefunden hat? Kann eine Atempause zum Dauerzustand werden? Ist die Katastrophe nach Ablauf der Galgenfrist im Grunde vorprogrammiert?

Der Nihilismus der Atombombe

Wie aber ist diese Situation moralisch zu beurteilen? Darf man Atomwaffen einsetzen, darf man mit ihnen drohen, ja darf man sie überhaupt besitzen? Wie sollen Menschen, die als technologische Heroen zugleich moralische Krüppel sind, solche Fragen beantworten? Stellen uns doch gerade die ethischen Paradoxien von Atomwaffen vor gewaltige Herausforderungen. Die wichtigste Paradoxie formulierte Carl Friedrich von Weizsäcker 1957 so: „Die großen Bomben erfüllen ihren Zweck, den Frieden und die Freiheit zu schützen, nur, wenn sie nie fallen. Sie erfüllen diesen Zweck auch nicht, wenn jedermann weiß, dass sie nie fallen werden. Eben deshalb besteht die Gefahr, dass sie eines Tages wirklich fallen werden.“[14] Dass dies auch auf die kleinen, die angeblich „taktischen“ Bomben zutrifft, überhaupt der bis heute gedachte „führbare Atomkrieg“ und die kalkulierte Begrenzung seiner Folgen eine Illusion ist, zeigen Studien über seine Auswirkungen. Daran wird deutlich: Die rationale Beziehung zwischen dem Mittel (der Waffe) und dem Zweck (der politischen Absicht) ist durch eine Art Aporie zerbrochen: Eine Politik mit Atomwaffen ist wirksam, weil das ungeheuerliche, unkalkulierbare Zerstörungspotential in die Kalkulation einbezogen ist, und aus genau dem gleichen Grund ist sie unwirksam. Bedeutet also eine wie auch immer interpretierte Atompolitik, dass die Katastrophe gegenwärtig verhindert wird, während sie in Zukunft um so sicherer eintritt, so stellt dies auch den politischen Entscheidern der Gegenwart ein schlechtes Zeugnis aus.

Damals war es nicht nur Günther Anders, der auf zwei kardinale Konsequenzen des Besitzes von Massenvernichtungsmitteln aufmerksam machte: Sie drohen erstens den Massenmord an, und sie sind zweitens totalitär. „Der atomare Untergang“ ist, so Anders, „kein Selbstmord, sondern eine Ermordung der Menschheit.“[15] Auch Bertrand Russell sprach ausdrücklich vom Massenmord, der zu unserem angeblichen Schutz geplant werde.[16] Ähnlich formulierte es der Theologe Helmut Gollwitzer, ein bekannter Aktivist in der damaligen deutschen Friedensbewegung:[17] „Denn nur in mörderischer Gesinnung kann man sie [die Bombe] herstellen und anwenden [...] Wer sie besitzt, wird durch sie in die Gesinnung des Mörders gedrängt.“[18] Gollwitzer war sich mit anderen Kritikern darüber einig, dass – wie es Anders ausdrückte – nicht etwa nur der Einsatz, sondern bereits der Besitz solcher Waffen unmoralisch sei. Denn einerseits bilden sie ein permanentes Mittel der Erpressung, und andererseits sind im Ernstfall alle „Nichteigentümer als ‚liquidierbar’ anzusehen“.[19] Potentiell gehöre die gesamte Menschheit zur Liquidierungsmasse eines mit Nuklearwaffen ausgetragenen Konfliktes. Daraus leitet sich nach Anders auch der totalitäre Charakter von Nuklearwaffen ab. Bereits deren purer Besitz verwandle „die Erde in ein ausfluchtloses Konzentrationslager.“[20] „Grundsätzlich in den Händen von Inkompetente[n]“[21], von „Mediokren“, unter Umständen von „ausgesprochene[n] Verbrechern“,[22] halten Politiker und Militärs die Bevölkerung in einer Art Geiselhaft, der niemand im vollen Bewusstsein aller denkbarer Konsequenzen zugestimmt hat. Und auch wenn eine Zustimmung erfolgt wäre, würde sie rechtsstaatlich-demokratischen Prinzipien widersprechen, denn der Besitz von Atomwaffen negiert das Menschenrecht auf Leben, das keiner noch so qualifizierten Mehrheitsentscheidung unterworfen werden darf. So war etwa das Verhalten der Kennedy-Administration während der Kubakrise ein den Beteiligten klar bewusstes Spiel mit dem weltweiten Massensterben und das letztlich – wie Russell durchaus zutreffend urteilte –, „weil die von den Kubanern bevorzugte Regierung reichen Amerikanern [...] nicht passt[e]“.[23] Das gilt umso mehr für die „Madman-Theorie“ des US-Präsidenten Richard Nixon im Hinblick auf den Vietnamkrieg, die den Massenmord ganz ausdrücklich als Drohung eines unberechenbar Verrückten strategisch zu nutzen versuchte.[24] Durch solche impliziten Verstöße gegen die Menschenrechte schlägt der Besitz von Nuklearwaffen also auch die Wertebasis des westlichen Demokratie in den Wind. Atomwaffen, so Anders, seien in diesem Sinne nihilistisch. „Nihilismus und Bombe“ bilden „einen einzigen Komplex“.[25] „Das Absurde ist also“, so Anders, „dass, wenn man das Gerät besitzt, Moralisch-sein objektiv unmöglich ist.[26]

Kombi-Abo der Blätter

Das Mittel verschlingt den Zweck

Wenn also eine Moral des Waffenbesitzes und des eventuellen Kriegführens wenigstens den Schatten eines vertretbaren Zweckes voraussetzt, so verschwinde im Hinblick auf Kernwaffen selbst dieses Minimum einer rationalen Begründbarkeit. Mit der Bombe sei auf Dauer kein irgendwie kalkulierbares Ziel erreichbar, denn jede Verbindung zwischen Absicht und zukünftiger Folge, jede Berechnung eines Zweckes, der mit dem Besitz und dem möglichen zukünftigen Einsatz von Nuklearwaffen verbunden wird, vernichte sich langfristig selbst und schlage ins Irrationale um. Die Atomwaffe sei kein „Instrument“, ja überhaupt keine Waffe, denn ihr „geringster Effekt, wenn [sie] eingesetzt würde, [wäre] größer [...] als jeder noch so große von Menschen gesetzte (politische, militärische) Zweck.“ Keine denkbare Wirkung hätte noch irgendeine Ähnlichkeit mit dem erwarteten Ziel. Das Mittel verschlinge den Zweck.[27]

Aber ist nicht Abschreckung erlaubt, wenn das auf Distanz gehaltene Übel mindestens ebenso groß ist wie die atomare Vernichtung? So sahen es Karl Jaspers und der prominente evangelische Theologe Helmut Thielicke. Zur Abwehr des kommunistischen Totalitarismus sei zumindest vorübergehend die Existenz von Nuklearwaffen gerechtfertigt. Diese Argumentation hatte schon einmal im Hinblick auf den Nationalsozialismus eine Rolle gespielt und Albert Einstein veranlasst, dem US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt die Entwicklung von Atomwaffen zu empfehlen. Zumindest nachvollziehbar wird es daher, wenn Helmut Thielicke forderte, eine Entscheidung „zwischen zwei Formen des Untergangs von jeweils totalem Charakter“ zu treffen: zwischen dem „moralischen“ Untergang einer Welt, die nur noch „tote Seelen“ hinterlässt, und dem Untergang als physischer Vernichtung.[28]

Dieses „Zwei-Höllen-Axiom“, das Anders bei Jaspers kritisierte,[29] setzte freilich ein historisches und damit wandelbares Phänomen („den“ Kommunismus) mit der Möglichkeit einer finalen Ausrottung der Menschheit gleich, die ja das Ende allen historischen Wandels bedeuten würde. War also bereits damals das Zwei-Höllen-Dilemma einer im Grunde schwachen Argumentation geschuldet, so stehen wir gegenwärtig vor einem bemerkenswerten Tatbestand. Obwohl eine der beiden Höllen seit 1989/90 ausgespielt hat, bleibt die Bedrohung der zweiten Hölle – die nach Thielicke und Jaspers allenfalls als „Gegenhölle“ zu rechtfertigen ist – mehr oder weniger bestehen, fast so, als sei nichts geschehen.[30]

Langfristig können Kernwaffen nach Auffassung der untersuchten Autoren kein Mittel der Politik sein. Überhaupt gelte es, „Politik“ im bisher bekannten Sinne hinter sich zu lassen. Jaspers sprach daher vom „Überpolitischen“, das es zu erreichen gelte.[31] Es handle sich um eine neue Verhaltensform, in der das für Politik bislang „spezifische Mittel des Kämpfens und Täuschens“ überwunden und durch „existenzielle Kommunikation“ sowie „Vernunft“ ersetzt worden ist.[32] Hierzu sei es freilich nötig, sich der Lage im nuklearen Zeitalter als einer kollektiven Grenzsituation bewusst zu werden. „Grenzsituationen“, ein wichtiger Begriff der Jasperschen Philosophie,[33] könnten uns – sofern wir ihnen nicht ausweichen – gewissermaßen die nackte Wahrheit über die conditio humana offenbaren, die in ihrer Hinfälligkeit fundamental der Zumutung des „Scheiterns“ ausgeliefert ist. Weder Technik noch „Wissenschaftsaberglaube“, so Jaspers, erlösen uns aus dieser Grundsituation, sondern nur wahres existenzielles „Selbstsein“. Daher gehe es auf dem Weg ins „Überpolitische“ um nichts Geringeres als um Umkehr. „Was auch immer geplant und verwirklicht wird, Voraussetzung des Gelingens ist eine Wandlung im gemeinschaftlichen Wollen, gegründet in der Umkehr der Denkungsart der einzelnen Menschen.“[34] Was hier bei Jaspers, stets unter Bezug auf Transzendenz und damit die Metaphysik seines „philosophischen Glaubens“,[35] von manchem als utopisch – oder, wie Hermann Lübbe kritisierte, als „moralische Überfrachtung“ – angesehen werden kann,[36] war für den überzeugten Atheisten Bertrand Russell, ganz britisch, eine Konsequenz des common sense.[37] Es ging im Kern aber in die gleiche Richtung. Auch Russell forderte die nahezu totale Umwendung des Blicks. Immer wieder finden sich in seinen zahlreichen Appellen Wendungen wie diese: „Ich appelliere als Mensch an die Menschen: Erinnert euch eurer Menschlichkeit und vergesst das Übrige.“[38] Im von Russel formulierten „Russell-Einstein-Manifest“ von 1955 – oft als „Einsteins letzte Warnung“ bezeichnet –,[39] das Einstein noch kurz vor seinem Tod unterschrieb, heißt es: „Wir müssen lernen, auf neue Art zu denken.“[40] Albert Schweitzer forderte „einen uns noch unvorstellbaren allgemeinen geistigen Fortschritt aller Völker der Menschheit“,[41] Carl Friedrich von Weizsäcker einen umfassenden „Bewusstseinswandel“.[42] Die Atombombe sei das „Weckersignal“, das die Menschheit dazu zwinge, „die politische Institution des Krieges abzuschaffen, wenn die Menschheit überleben will.“[43] Dieser Gedanke entsprach im Übrigen der Motivation nicht weniger Wissenschaftler des Manhattan-Projekts, die sich nur deshalb 1942 bereit gefunden hatten, diese Riesenbombe zu entwickeln, weil sie glaubten, sie würde schließlich den Krieg überhaupt unmöglich machen.[44]

Die Weltregierung als Friedensprojekt

Der Maßstab für Lösungsvorschläge wurde hier also sehr hoch angesetzt. Handelte es sich damit um den Durchbruch einer moralisch rigoristischen Gesinnungsethik? Mancher Kritiker argumentierte so. Dabei kann die Forderung nach Umkehr auch als ein nüchterner Satz praktischer Logik verstanden werden, als ein realitätsbezogenes Entweder-Oder. „Ich habe das Gefühl, dass der Mensch dieses Problem wird lösen müssen – sonst wird er verschwinden“, äußerte Russell vor dem britischen Oberhaus in einer Rede, die er am 28. November 1945 hielt. „Entweder verschwindet der Krieg, oder die gesamte Zivilisation der Menschheit verschwindet.“[45] Eine solche Alternative habe sich ihm schon öfter aufgedrängt, bekannte auch von Weizsäcker 1961.[46] Der Krieg aber könne nur abgeschafft werden durch eine Weltregierung. „Es gibt nur einen Weg, den ich sehen kann, und das ist die Errichtung einer Weltregierung mit einem Monopol über alle wichtigen Kriegswaffen“, so Russell 1959 in einem Fernseh-Interview. „Eine Weltregierung, deren Aufgabe es wäre, alle Konflikte zwischen verschiedenen Staaten zu behandeln, deren Lösung vorzuschlagen und notfalls diese Lösungen zu erzwingen, und die eine solche Stärke besitzt, dass für einen aufsässigen Staat schon der Versuch ganz nutzlos wäre, dagegen zu handeln.“[47] Er dachte hier nicht anders als Albert Einstein, der eine Weltregierung als „absolute Notwendigkeit“ ansah und der sich unermüdlich einschaltete, um dieses Ziel voranzutreiben.[48] Auch von Weizsäcker schlug eine „Zentralautorität mit Waffenmonopol“ vor, denn „der Weltfriede ist Lebensbedingung des technischen Zeitalters.“[49]

Freilich tauchen hier neue Gefahren auf. Karl Jaspers befürchtete, ein Weltstaat könnte sich ins Totalitäre entwickeln. Daher plädierte er im Gefolge Immanuel Kants für eine supranationale Weltordnung in Form einer Konföderation von Demokratien. Als Vorbild galt Jaspers der europäische Einigungsprozess. Doch entscheidend war ihm die konsequente Verrechtlichung der internationalen Politik. „Der Krieg kann nur ausgeschaltet werden, wenn es eine oberste Rechtsinstanz gibt, die an die Stelle der Gewalt das Recht setzt [...]“, dessen Befolgung effektiv erzwungen werden kann.[50] Damit nahm Jaspers den Grundgedanken Kants auf, der das Überlebensproblem der Menschheit bereits vor mehr als 200 Jahren erkannt hatte. Jedoch basierte bei Kant die Entstehung des „ewigen Friedens“ durch den Zusammenschluss von Republiken unter Rechtsprinzipien auf einer Art historischer Katastrophentheorie. Die Menschen werden nur durch Schaden klug. Zwar verfügen sie grundsätzlich über Vernunft, doch zu deren zweckdienlicher Anwendung müssen sie, um es salopp zu sagen, geprügelt werden.[51]

Hier schließt sich der Kreis gewissermaßen dialektisch. Der größte Schaden, die größte Gefahr könnten in den größten Nutzen umschlagen. Doch welche Katastrophen sind nötig, damit die Menschheit tatsächlich klug wird? Waren es die Abwürfe der Atombomben, die zugleich das definitive Ende des Zweiten Weltkriegs bedeuteten? Wenn dies der Fall wäre, würde auch jene Umkehr stattfinden können, bei der die Menschheit entdeckt, dass sie eine Einheit ist oder wenigstens „ein einziges Interesse“ hat: nämlich „die Verhinderung des Atomkrieges“.[52] Dies wäre eine Globalisierung der besonderen Art, nicht in erster Linie wirtschaftlich oder technologisch ausgerichtet, sondern tiefgreifend moralisch. Sie würde auf der Anerkennung beruhen, dass wir – so Albert Schweitzer – alle „miteinander Menschen sind“.[53] Das wäre dann allerdings nicht als Trivialität hingenommen, sondern würde zur Einsicht in die Notwendigkeit führen, Politik als Mittel „des Kämpfens und Täuschens“ (Jaspers) tatsächlich hinter sich zu lassen. Ein atheistischer Humanismus im Sinne von Russell könnte dies ebenso fundieren wie eine metaphysisch, ja mystisch begründete Lehre von der „Einheit des Wirklichen“, wie sie Carl Friedrich von Weizsäcker vertrat,[54] oder wie aus ähnlicher Wurzel die Ehrfurcht vor dem Leben, die Albert Schweitzers Ethik zugrunde lag.[55]

Von der unerlässlichen Notwendigkeit einer Technik der Friedfertigkeit

Sollten jedoch Hiroshima und Nagasaki nicht ausreichen, um die Menschheit klug zu machen, so kommt als weiteres Menetekel – und weit dramatischer noch als die Coronakrise – heute der Klimawandel dazu. Bald könnte sich die Menschheit in einer eigenartigen neuen Lage befinden: Nicht die Technik sichert das Überleben, nicht das Wirtschaftswachstum, nicht der „Wissenschaftsaberglaube“ (Jaspers), sondern die Moral. Ethik würde zur Überlebenswissenschaft und damit wichtiger als alles andere. Der ewige Streit zwischen „Realisten“ und „Idealisten“ wäre entschieden: Realismus und Moralismus sind identisch. Denn „ein tugendhaftes Leben (wenn auch nicht ganz im traditionellen Sinne des Wortes)“, ist, wie Russell sagte, „für den Fortbestand der Menschheit ebenso notwendig [...] wie der Deichbau“.[56]

Das also wäre der Kern der „Umkehr“ und des „Bewusstseinswandels“. Er läge in der Erzeugung einer umfassenden Technik der Friedfertigkeit. So entstünden eine ganze Reihe von Instrumenten des einvernehmlichen Miteinanders. „Bedingungslose und universale Kommunikation“, die in der Philosophie von Jaspers eine zentrale Rolle spielt und deren Verwandtschaft mit der kommunikativen Vernunft bei Jürgen Habermas zu Recht hervorgehoben wurde,[57] wäre innerstaatlich wie zwischenstaatlich das zentrale Verfahren der Einigung. Dabei würde sich der „Idealismus“ konsequenter Moral im Sinne einer Diskursethik vollkommen mit dem Realismus des Überlebensinteresses decken. Denn unsere Friedlosigkeit ist nichts weiter als „ein Mangel an Anpassung an die Wirklichkeit unserer Welt“ (Carl Friedrich von Weizsäcker).[58] „In der evolutionären Entwicklung“, so Albert Einstein 1946, „muss sich eine Spezies oft um ihres Fortbestandes willen neuen Lebensbedingungen anpassen. Heute hat die Atombombe das Wesen der uns bekannten Welt verändert, und die menschliche Rasse findet sich daher völlig neuen Lebensbedingungen gegenüber, denen sie ihr Denken anpassen muss.“[59] Die Chance darauf haben wir noch immer.

 

[1] Eva Senghaas-Knobloch, Nukleare Teilhabe: Die fatale Illusion der Sicherheit, in: „Blätter“, 6/2020, S. 41-44.

[2] Alan Ryan, War and Peace in the Nuclear Age, in: A. D. Irvine (Hg.), Bertrand Russell. Critical Assessments. Volume I: Life, Work and Influence, London und New York 1999, S. 175-208; Ray Monk, Bertrand Russell 1921-1970, The Ghost of Madness, London 2000, S. 373 ff.

[3] Bertrand Russell, Hat der Mensch noch eine Zukunft? Bestandsaufnahme und Mahnung, München 1961, S. 21 und 41.

[4] Ralf Kadereit, Karl Jaspers und die Bundesrepublik Deutschland. Politische Gedanken eines Philosophen, Paderborn, München und Wien 1999, S. 207 ff.

[5] Karl Jaspers, Die Atombombe und die Zukunft des Menschen. Ein Radiovortrag, München 1957, S. 14.

[6] Karl Jaspers, Die Atombombe und die Zukunft des Menschen. Politisches Bewußtsein in unserer Zeit, München 1958, S. 464.

[7] Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1956 , S. 236 und 256.

[8] Jaspers, Die Atombombe 1958, a.a.O., S. 474.

[9] Anders, Die Antiquiertheit, a.a.O., S. 242 und S. 269

[10] Russell, Hat der Mensch noch eine Zukunft, a.a.O., S. XX ff.

[11] Jaspers, Die Atombombe 1958, a.a.O., S. 461 und 464.

[12] Albert Schweitzer, Friede oder Atomkrieg, München 1958, S. 29.

[13] Anders, Die Antiquiertheit, a.a.O., S. 216 und S. 282.

[14] Carl Friedrich von Weizsäcker, Die Atomwaffen (1957), in: ders., Der bedrohte Friede. Politische Aufsätze 1945-1981, München und Wien 31982, S. 31-42, hier: S. 36 f.

[15] Günther Anders, Atomarer Mord – kein Selbstmord, in: ders., Die atomare Drohung. Radikale Überlegungen, München 41983, S. 55-66, hier: S. 61.

[16] Bertrand Russell, Handeln oder zugrunde gehen. Aufruf zum gewaltlosen Widerstand (1960), in: ders., Politische Schriften I, Was wir tun können, München 1972, S. 236-239, hier: S. 237.

[17] Andreas Pangritz, Helmut Gollwitzers Friedensethik und ihre Aktualität (1908-1993), in: Marco Hofheinz und Frederike van Oorschot (Hg.), Christlich-theologischer Pazifismus im 20. Jahrhundert, Münster 2016, S. 213-229.

[18] Helmut Gollwitzer, Die Christen und die Atomwaffen, München 51957, S. 25.

[19] Anders, Über Verantwortung heute, in: ders., Die atomare Drohung, a.a.O., S.24-54, hier: S. 43.

[20] Anders, Thesen zum Atomzeitalter, in: ders., Die atomare Drohung, a.a.O., S. 55-66, hier: S. 94 f.

[21] Anders, Die Antiquiertheit, a.a.O., S. 270.

[22] Anders, Der Sprung, in: ders., Die atomare Drohung, a.a.O., S. 11-23, hier: S. 21.

[23] Bertrand Russell, Autobiographie III, 1944-1967, Frankfurt a. M. 1974, S. 225; Bernd Greiner, Die Kuba-Krise, Die Welt an der Schwelle zum Atomkrieg, 2München 2015.

[24] Bernd Greiner, Krieg ohne Fronten, Die USA in Vietnam, Bonn 2007, S. 70 f.

[25] Anders, Die Antiquiertheit, a.a.O., S. 304.

[26] Anders, Der Sprung, a.a.O., S. 11-23, hier: S. 16 (Hervorheb. i. Orig.).

[27] Anders, Die Antiquiertheit, a.a.O., S. 249 ff.

[28] Helmut Thielicke, Die Atomwaffe als Frage an die christliche Ethik, Tübingen 1958, S. 30.

[29] Anders, Über Verantwortung heute, a.a.O., S. 41.

[30] Christian Hacke, Neun Gründe gegen Obamas Vision einer nuklearfreien Welt, in: Reinhard Meier-Walser (Hg.), Eine Welt ohne Atomwaffen? „Global Zero“ – Realisierungschancen einer Vision, München 2010, S. 15-33.

[31] Jaspers, Die Atombombe (1958), S. 46 ff.; Reiner Wiehl, Jaspers’ Bestimmung des Überpolitischen, in: Reiner Wiehl und Dominic Kaegi (Hg.), Karl Jaspers – Philosophie und Politik, Heidelberg 1999, S. 81-96.

[32] Karl Jaspers, Philosophie II. Existenzerhellung, Berlin, Göttingen und Heidelberg 1956, S. 103 ff; ders.: Vernunft und Existenz, Groningen 1935.

[33] Jaspers, Philosophie II, a.a.O., S. 201 ff.

[34] Jaspers, Die Atombombe 1958, a.a.O., S. 265 und S. 458.

[35] Karl Jaspers, Der philosophische Glaube, München 1948.

[36] Hermann Lübbe, Die Masse, der Nationalsozialismus und die Atombombe, Karl Jaspers als politischer Moralist, in: Reinhard Schulz, Giandomenico Bonnani und Matthias Bornmuth (Hg.), „Wahrheit ist, was uns verbindet“. Karl Jaspers’ Kunst zu philosophieren, Göttingen 2009, S. 391-410, hier: S. 407.

[37] Bertrand Russell, Common Sense and Nuclear Warfare, London 1959.

[38] Ronald W. Clark, Bertrand Russell. Philosoph – Pazifist – Politiker, München 1975, S. 342.

[39] Monk, Bertrand Russell, a.a.O., S. 379.

[40] Das Manifest findet sich unter: www.pugwash.org.

[41] Schweitzer, Frieden oder Atomkrieg, a.a.O.,S. 47.

[42] Carl Friedrich von Weizsäcker, Bewußtseinswandel, München 1988.

[43] Carl Friedrich von Weizsäcker, Ein Gespräch, in: a.a.O., S. 307-340, hier: S. 326 f.

[44] Herfried Münkler, Der Wandel des Krieges. Von der Symmetrie zur Asymmetrie, Weilerswist 22006, S. 134.

[45] Russell, Hat der Mensch noch eine Zukunft?, a.a.O., S. 22 und S. 26.

[46] Vgl.: Götz Neuneck, Carl Friedrich von Weizsäcker: Nukleare Abrüstung und die Suche nach Frieden, in: Klaus Hentschel und Dieter Hoffmann (Hg.), Carl Friedrich von Weizsäcker: Physik – Philosophie – Friedensforschung, Stuttgart 2014, S. 413- 436, hier: S. 422.

[47] Bertrand Russell sagt seine Meinung. Eine Stimme moderner Aufklärung, Darmstadt 1976, S. 168 f.

[48] Otto Nathan und Heinz Norden (Hg.), Albert Einstein über den Frieden. Weltordnung oder Weltuntergang?, Bern 1975, S. 346 ff. hier: S. 391.

[49]   Carl Friedrich von Weizsäcker, Friedlosigkeit als seelische Krankheit, in: ders., Der bedrohte Friede. Politische Aufsätze 1945-1981, München und Wien 31982, S. 153-177, hier: S. 156.

[50] Jaspers, Die Atombombe 1957, S. 10 ff und S. 42. (Hervorheb. i. Orig.)

[51] Karl Jaspers, Kants „Zum ewigen Frieden“ (1957), in: ders., Aneignung und Polemik. Gesammelte Reden und Aufsätze zur Geschichte der Philosophie, hg. v. Hans Saner, München 1968, S. 205-232.

[52] Bertrand Russell, Vernunft und Atomkrieg (1959), in: ders., Politische Schriften I,a.a.O.,S. 226-229, hier: S. 227.

[53] Schweitzer, Frieden oder Atomkrieg, a.a.O., S. 44.

[54] Mathias Schüz, Die Einheit des Wirklichen. Carl Friedrich von Weizsäckers Denkweg, Pfullingen 1986, S. 61 ff.

[55] Albert Schweitzer, Kultur und Ethik. Kulturphilosophie. Zweiter Teil, München 1923, S. 228 ff.

[56] Russell, Hat der Mensch noch eine Zukunft?, a.a.O., S. 8.

[57] Helmut Fahrenbach, Kommunikative Vernunft, ein zentraler Bezugspunkt zwischen Karl Jaspers und Jürgen Habermas, in: Kurt Salamun (Hg.), Karl Jaspers. Zur Aktualität seines Denkens, München und Zürich 1991, S. 189-216.

[58] Von Weizsäcker, Friedlosigkeit als seelische Krankheit, a.a.O., S. 168.

[59] Einstein, a.a.O., S. 393.

Aktuelle Ausgabe September 2020

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