Ausgabe Juni 2020

Corona: Wenn Superwoman die Kraft ausgeht

Superwoman In Retro Pop Style

Bild: vecteezy.com

In Zeiten des Lockdowns halten vor allem Frauen die Gesellschaft am Laufen und stemmen dabei oft eine Doppelbelastung aus Erwerbs- und Sorgearbeit. Das aber darf nicht zum Dauerzustand werden, mahnt die Journalistin Britta Baas. Nötig sei ein neues Konzept von Care-Arbeit.

In der Coronakrise offenbart sich eines besonders eindrücklich: Unsere Gesellschaft funktioniert nur deshalb so reibungslos, weil ein Teil der notwendigen Arbeit still und leise sowie meist un-, auf jeden Fall aber unterbezahlt geleistet wird, und das vor allem von Frauen: als Kassiererinnen, Krankenpflegerinnen oder Erzieherinnen in Kitas und Schulen. Auch zu Hause sind es meist sie, die den alltäglichen Familienwahnsinn koordinieren und alles Relevante im Blick behalten.[1]

Mehr als zuvor sind derzeit insbesondere Frauen – denen seit jeher gesellschaftlich nahegelegt wird, sich für andere zu engagieren und sich selbst zurückzunehmen – zuständig für Homeschooling, Putzen, Kochen, die Betreuung der Kleinsten und das Pflegen älterer Menschen. Denn ein Großteil der Hilfe, die ihnen der Staat normalerweise bietet oder die sich Frauen selbst organisieren, sind in Zeiten der Pandemie nicht mehr zu bekommen: Die Schulen werden nach Wochen der Schließung gerade erst schrittweise geöffnet; die Kitas werden frühestens im Herbst wieder alle Kinder aufnehmen können; die rumänische Pflegerin des Schwiegervaters ist in ihr Herkunftsland zurückgekehrt; und die Haushaltshilfe bleibt wegen Ansteckungsgefahr fern.

Leisten all diese Arbeiten nun nicht auch Männer? Seit Wochen kann man staunen über Reportagen, in denen sie über ihre Doppelbelastung sprechen. In denen berufliche Videokonferenzen nacherzählt werden, in die Kinder mit ihren Fragen hineinplatzen, die die Papas unbedingt und umgehend beantworten müssen. Es ist von alleinerziehenden Vätern die Rede, die nun neben ihrem anstrengenden Job Mathehausaufgaben zu betreuen und Deutschaufsätze zu korrigieren haben.

Diesen Fokus auf Väter kritisiert die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken als „scheinheilig“.[2] Selbstverständlich gebe es auch unter ihnen sorgestarke Persönlichkeiten, Männer, die sich nun ein Bein ausrissen für Haushalt und Nachwuchs. „De facto geht es aber zu achtzig Prozent um Mütter.“ Man solle sich daher hüten, „die Verschleierung der Tatsachen unter dem Cover der Gleichberechtigung“ mitzumachen.

Die vielen Frauen, die neben ihrer eigentlichen Erwerbsarbeit auch Care-Arbeit leisten, müssen spätestens jetzt zur Kenntnis nehmen, dass sie dafür nicht bezahlt werden – und auch keinerlei Ausgleich in Form von Freizeit erhalten. Wo sie können, reduzieren sie stattdessen ihre bezahlten Arbeitsstunden. Nur so lässt sich den neu hinzugekommenen Aufgaben „zu Hause“ gerecht werden. Erwerbsarbeit wird unter diesen Umständen zum Hochleistungssport. Kein Sprint, sondern ein Ausdauerlauf mit unbekannter Zielmarke: Noch weiß niemand, wann die Pandemie enden wird. Ein Leben mit Einschränkungen und Mehrbelastungen ist noch lange nötig.

»Das Virus bedroht Jahrzehnte gleichstellungspolitischen Fortschritts«

Daher gilt es, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Weichen neu zu stellen. Was sich aktuell zeigt, darf sich nach dem Ende der Coronakrise nicht verstetigen. „Das Virus bedroht Jahrzehnte gleichstellungspolitischen Fortschritts“, schreibt Julia Schaaf in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“: Es habe sich gezeigt, dass in den „systemrelevanten Berufen zum großen Teil unterbezahlte Frauen arbeiten“, zudem sei „das Verschwinden der Frauen aus dem öffentlichen Corona-Diskurs“ zu bemerken und schließlich habe Julia Jäkel, Chefin des Verlags Gruner + Jahr, entsetzt festgestellt: „Wir Frauen sind so viel weniger wert, als wir dachten.“[3] Die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern verfestigen sich in derzeit zulasten der Frauen, stellen auch Bettina Kohlrausch und Aline Zucco in einer aktuellen Studie der Hans-Böckler-Stiftung fest.[4]

Wer also verhindern will, dass für die „Superwomen“ – die jetzt alles und jedes managen, dafür aber weder pekuniär noch politisch und gesellschaftlich gewürdigt werden – in Zukunft alles beim Alten bleibt, muss Konzepte für das Danach entwickeln. In diesem Danach wird Care-Arbeit eine entscheidende Rolle spielen – wie schon vor der Coronakrise. Die Krise birgt die Chance, dass Sorgearbeit endlich in den Fokus rückt. „Doch wir müssen aufpassen, dass nicht Leute wie Friedrich Merz nach Corona die Oberhand gewinnen“, sagt Uta Meier-Gräwe, emeritierte Professorin für Wirtschaftslehre des Privathaushalts in Gießen. „Leute, die jetzt mitklatschen für die Kümmerer, aber gleichzeitig sagen, dass das produzierende Gewerbe mit absoluter Priorität angeschoben werden müsste.“ Meier-Gräwe sieht diese Priorität einem „industriegesellschaftlichen Strukturkonservativismus“ geschuldet. Ungeachtet der Coronakrise gilt Sorgearbeit vielen noch immer als ärgerlicher Kostenfaktor. Schließlich schafft sie keine Produktionszuwächse und ist auch nicht darauf angelegt, „in immer kürzerer Zeit immer mehr Menschen zu umsorgen“. Deshalb bringen Politiker wie Merz für diese Art von Arbeit kein Verständnis auf. Doch das, sagt Meier-Gräwe, sollten wir nicht mehr hinnehmen: „Sorgearbeit ist nämlich kein Privatproblem, das vor allem Frauen im Stillen zu lösen haben. Sorgearbeit ist ein Wirtschaftsfaktor. Mit ihr wird auf menschliche Bedürfnisse geantwortet. Care-Arbeit gehört deshalb ins Zentrum einer zukunftsfähigen Ökonomie.“[5]

Das Blätter-Sommerabo

Die Familienforscherin ist Mitautorin des „Equal Care Manifestes“, das entsprechende Forderungen stellt.[6] Die Bundesregierung, heißt es dort, müsse dringend die Weichen stellen für „ideelle und finanzielle Anerkennung sowie faire Verteilung von Care-Arbeit zwischen den Geschlechtern“, und auch die Betriebe müssten „das heutige Wirtschaftsmodell gründlich revidieren“. Gesellschaftlich aber brauchen wir nicht weniger als eine nachholende Geschlechterrevolution, eine umfassende mentale Veränderung. Das Manifest erinnert daran, „dass in der Rush-Hour des Lebens, in der wichtige Entscheidungen wie Partnerschaft, Beruf und Familiengründung anfallen, Frauen mehr als das Doppelte an gesellschaftlich notwendiger, unbezahlter Care-Arbeit im Vergleich zu Männern“ übernehmen. Der sogenannte Gender-Care-Gap sei im Alter von 34 Jahren mit mehr als 110 Prozent besonders hoch.

»Diese Gesellschaft ist dazu ausgelegt, Frauen abhängig zu halten«

Wie lässt sich dieser Gender-Care-Gap überwinden? Clare Wenham, Assistenzprofessorin für globale Gesundheitspolitik an der London School of Economics, sieht die Sache der Frauen in ökonomischen Zwängen untergehen. Unbezahlte Sorgearbeit werde aufgrund der bestehenden Arbeitsmarktstrukturen auch künftig stärker auf Frauen als auf Männer zurückfallen. Es gehe dabei nicht primär „um die sozialen Normen, die Frauen Fürsorgeaufgaben auferlegen“. Es gehe vielmehr um „praktische Fragen: Wer verdient weniger? Wer ist flexibler?“[7]

Dass nach wie vor eine große Zahl teilzeitarbeitender Frauen den in Vollzeit arbeitenden und mehr verdienenden Männern „den Rücken freihält“, kann keine ernstzunehmende Vision für das 21. Jahrhundert sein. Zum einen, weil Frauen unter diesen Voraussetzungen tagtäglich eine „zweite Schicht“ leisten, sie also nach ihren bezahlten Arbeitsstunden deutlich mehr Hausarbeit schultern und zugleich weniger Freizeit haben als Männer. Zum anderen, weil eine solche Arbeitsaufteilung soziale Ungleichheit reproduziert und verstärkt – oder sogar in „exkludierende Gewalt zu kippen droht“, wie die Anthropologin Olivia Mitscherlich-Schönherr analysiert.[8] Um der „Solidarität mit den Schwachen“ willen ist eine solchermaßen strukturierte Gesellschaft nämlich dazu ausgelegt, Frauen als prekär Beschäftigte in Abhängigkeit von den sogenannten Hauptverdienern zu führen und ihre Fähigkeiten und Lebenskonzepte jenseits des „Caring“ dem Verkümmern anheim zu geben.

Die derzeitige „Betonung sozialer Solidarität“ kann „blind machen“ für die Opfer dieses Solidaritätsideals, sagt auch der Philosoph Michael Reder.[9] Die Opfer sind nicht nur Frauen aus westlichen Industriegesellschaften, sondern auch jene, die von ihnen beschäftigt werden, wenn es gar nicht mehr anders geht. Es sind zumeist migrantische Sorgearbeiterinnen aus Osteuropa und Asien, die schon heute in der 24-Stunden-Pflege für Kranke und Alte ausgebeutet werden. Daher sollte es Hoffnung machen, dass die Sorgeketten in Richtung Osten in der Coronakrise auseinanderreißen. Denn das zwingt zum Handeln im Sinne von Maier-Gräwe, die fordert: „Wir müssen raus aus diesem System.“

Die Coronakrise lässt die noch immer patriarchale Struktur unserer Gesellschaft, das Ausnutzen von Frauen auf der Basis eines vor-emanzipatorischen Solidaritätsmodells grell in Erscheinung treten. „Gleichstellungspolitik hat Frauenquoten in Aufsichtsräten durchgesetzt, doch das binäre Geschlechterkonstrukt hält sich hartnäckig“, schreibt die Soziologin Carolin Wiedemann. Die Muster im Denken und Handeln treten gerade offener zutage als zuvor: Männer werden uns als Wissenschaftler vorgestellt, Frauen als Kinderbetreuerinnen. Mädchen werden gesellschaftlich „nach dem Bild der Hausfrau“ geformt, Jungen als „Außerhausmänner“, die sich Herausforderungen stellen müssen, während das Weibliche das Synonym für Sorge und Häuslichkeit bleibt.[10]

Was also sind Konzepte, die uns in eine andere Zukunft führen? Dazu sieben Thesen.

Erstens: Es reicht nicht mehr, eine „Gleichstellung“ nach den normativen Prinzipien unserer bestehenden Gesellschaftsgestaltung voranzutreiben. Diese Gleichstellungspolitik hat manches Positive gebracht, Teilhabe von Frauen ermöglicht, wo es vorher nur deren Ausschluss gab. Nicht erfolgreich aber war sie in der Auflösung patriarchaler Denk- und Handlungsmuster. Wo Gleichstellung nur als Teilhabe an männerdominierter Wirtschaft, Politik und Familien-Organisation zu bekommen ist, stellt sie nicht den nötigen Fortschritt dar. Wir brauchen eine Gesellschaft, die Geschlechterrollen auflöst und sorgende Menschen fördert.

Zweitens: Über „Geschlecht und Sorgearbeit“ muss im Bildungssystem diskutiert, um künftige Arbeitsverteilungen muss gerungen werden. „Wirtschaftslehre des Privathaushalts“ sollte Schulfach werden, das „Care-Wirtschaft“ in Theorie und Praxis allen Schüler*innen vermittelt.

Drittens: Sorgearbeit muss menschenwürdig sein. Es geht dabei nicht nur um die Menschenwürde der zu Umsorgenden, sondern auch um die der Sorgearbeiter*innen. Gute Pflege, gute Kinderbetreuung, gutes Haushalten darf nicht nur um den Preis der permanenten Missachtung der Menschenwürde der Pflegenden, der Betreuenden und der Haushaltenden zu bekommen sein.[11]

Viertens: Menschenwürdige Care-Arbeit zu organisieren heißt, sie gerecht zu organisieren. „Das ist die zentrale Herausforderung bei der Entwicklung einer sorgenden Gesellschaft in Deutschland“[12], betont Bernhard Emunds, Professor für christliche Gesellschaftsethik und Sozialphilosophie. Die Sorgearbeit muss sozial abgesichert und mit Erwerbsarbeit gut vereinbar sein. Sie muss durch öffentlich (ko-)finanzierte professionelle Dienstleistungen unterstützt werden. Ein Elterngeld für Homecare in der Coronakrise ist sinnvoll, um die Zusatzbelastung von Männern und Frauen abzufedern.

Fünftens: Care-Arbeit ist Beziehungsarbeit. Es geht nicht um das „Verrichten“ einer Sache, sondern um einen Kommunikationsprozess. Sorgearbeit gibt etwas, das auch ein gesellschaftlicher Kitt ist: Zuwendung.

Sechstens: Care-Arbeit ist ein elementarer Bestandteil der Wirtschaft und der Bedarf an ihr nimmt zu. Konzepte alternativen Wirtschaftens wollen Tarifverträge für hauptberufliche Care-Arbeitende und eine finanzielle Absicherung privater Care-Arbeit – und zwar für Frauen und Männer gleichermaßen. Dafür müssen patriarchale Besteuerungssysteme wie das Ehegattensplitting aufgegeben werden.

Schließlich sind, siebtens, Care-Institutionen bevorzugt staatlich zu finanzieren. Kitas, Schulen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sind Care-Orte eines starken demokratischen Staates, der sich um seine Bürger*innen sorgt, sie bildet, fördert und gesund erhält.

Auch wenn derzeit überall Superwomen unterwegs sind, die alles gleichzeitig zu stemmen scheinen: Ewig wollen sie nicht in dieser Rolle sein. Sie wollen arbeiten, aber nicht zum Nulltarif. Und ihre Kräfte sind endlich.

 

[1] Vgl. auch: Lisa Großmann, „Gibt’s noch Klopapier?“, in: „Frankfurter Rundschau“, 15.1.2019.

[2] Vgl. Julia Schaaf, „Mutti macht das schon“, in: „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, 10.5.2020.

[3] Ebd.

[4] Vgl. Bettina Kohlrausch und Aline Zucco, Corona trifft Frauen doppelt – weniger Erwerbseinkommen und mehr Sorgearbeit, in: „WSI-Policy Brief“, 40/2020, www.boeckler.de.

[5] Vgl. Wer sorgt für die Kümmerer?, in: „Publik-Forum“, 8/2020, S. 9.

[6] Das Equal Care Manifest 2020, www.equal-careday.de.

[7] Zit. nach: Helen Lewis, Das weibliche Desaster, www.ipg-journal.de, 29.3.2020.

[8] Olivia Mitscherlich-Schönherr, Zum biopolitischen Kontext gegenwärtiger Solidarität, www.praktiken-solidaritaet.de, 20.4.2020.

[9] Michael Reder, Solidarität in Corona-Zeiten, www.praktiken-solidaritaet.de, 3.4.2020.

[10] Carolin Wiedemann, Kinder, Küche, Corona. Die Krise ist die Bühne des Patriarchats, www.tagesspiegel.de, 29.4.2020.

[11] Vgl. dazu Jenny Weber in dieser Ausgabe.

[12] Bernhard Emunds, Gerechtigkeitsprobleme der häuslichen Pflegearbeit – und was die Politik zu deren Überwindung beitragen sollte, in: „Stimme der Familie“, 5/2019, S. 10ff.

Aktuelle Ausgabe Juli 2020

In der Juli-Ausgabe beleuchten der Historiker Ibram X. Kendi und die Soziologin Keeanga-Yamahtta Taylor die lange Tradition rassistischer Gewalt in den USA – und zeigen Wege aus dem amerikanischen Albtraum auf. Der Soziologe Gary Younge und der Journalist Marvin Oppong richten den Blick auf den Rassismus und die Polizeigewalt in Europa. Der Journalist Michael Pollan legt die brutale Effizienz der Lebensmittelindustrie offen – die uns alle buchstäblich krank macht. Und »Blätter«-Redakteur Albrecht von Lucke analysiert den steilen Aufstieg Markus Söders inmitten der Coronakrise - und dessen Chancen, nächster Bundeskanzler zu werden.

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