Ausgabe März 2020

Unser Wunsch nach mehr, unsere Angst vor weniger

Wie unser Wohlstandsmodell den Planeten ruiniert

Volle Regale in einem Supermarkt

Bild: Peter Bond / Unsplash

Eines der erfolgreichsten Sachbücher der vergangenen Jahre trägt den Titel „Magic Cleaning“, es ist ein Ratgeber für das Aufräumen. Geschrieben hat ihn die Japanerin Marie Kondo, die damit in ihrem Land lange auf der Bestsellerliste stand. Inzwischen sind ihre Aufräum-Bücher in vierzig Sprachen übersetzt und weltweit mehr als sieben Millionen Mal verkauft worden – vor allem in den westlichen Industrieländern. Offenbar bedarf es gerade dort einer Anleitung, wie man richtig aufräumt. Was verständlich ist, weil man, um überhaupt ein Problem mit dem Aufräumen haben zu können, erst einmal viel zu viel gekauft haben muss. Die Methode, mit der Marie Kondo vorgeht, baut daher auf der simplen Erkenntnis auf, dass man keine wirkliche Ordnung schaffen kann, solange man noch zu viele Dinge besitzt. In Japan, wo der Wohnraum so teuer ist, dass sich die Vergrößerung der Fläche zur weiteren Verteilung nicht anbietet, liegt dieser Gedanke auch besonders nah.

Daher schlägt sie vor, alle Sachen einer Kategorie – sie räumt nie zimmerweise auf –, also etwa Kleidung, Bücher, Papierkram, Kleinzeug oder Erinnerungsstücke, auf einen Haufen zu werfen und sie dann nach dem Kriterium zu sortieren, ob sie in einem ein Glücksgefühl auslösen. „Macht es mich glücklich, wenn ich diesen Gegenstand in der Hand halte?“ Wenn nicht – soll er weg. Marie Kondo vermittelt diese Methode heute nicht nur in ihren Büchern, sie gibt auch Kurse für Aufräumhelfer*innen und hatte vor einiger Zeit auf dem Streamingdienst Netflix eine eigene Dokumentation, bei der sie überforderten Amerikanern über mehrere Folgen hinweg dabei half, ihre vollgestopften Schränke, Küchen, Gästezimmer und wohlstandsvermüllten Garagen aufzuräumen. Es waren übrigens keine Messis, die sie anleitete, etwas wegzuwerfen. Und sie alle schienen am Ende unfassbar erleichtert zu sein, wenn die Müllabfuhr die Berge von Plastiksäcken wegfuhr.

Kennen Sie das Easterlin-Paradox, die Erkenntnis, dass die Menschen ab einem bestimmten Wohlstandsniveau nicht mehr glücklicher werden, auch wenn sie immer mehr besitzen?[1] Marie Kondo schuf sozusagen die filmische Umsetzung dazu. Der Gedanke, der mir als Nachhaltigkeitsforscherin sofort kam, wurde in der Dokumentation natürlich nicht aufgeworfen: Was, wenn die Menschen diese Sachen gar nicht erst gekauft hätten? Und was, wenn diese Sachen gar nicht erst hergestellt worden wären? Dann hätten wir nun Berge von Plastiksäcken voll Müll weniger.

Wir müssen Verzicht üben

In der Diskussion, was die Menschheit unternehmen kann, um zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise zu finden, die sich innerhalb der ökologischen Leitplanken des Planeten bewegt, gibt es im Allgemeinen zwei Vorschläge. Der eine, die sogenannte einfache Entkopplung, lautet, mit Hilfe von Innovationen und technologischem Fortschritt den Naturverbrauch zu senken, ohne dafür auf Wohlstand verzichten zu müssen, was, wen wundert’s, der beliebtere der zwei Vorschläge ist. Der sogenannte Rebound-Effekt zeigt aber, dass die Menschheit damit bisher leider nicht wirklich zum Ziel gekommen ist. Das Muster des Rebounds haben wir außerdem bei der Nutzung der menschlichen Ressourcen Zeit, Aufmerksamkeit und Geld vorgefunden.[2]

Neben der Angebotsseite spielen natürlich auch die Akteur*innen auf der Nachfrageseite, sprich die Konsument*innen, eine wichtige Rolle. Der zweite Vorschlag für nachhaltiges Wirtschaften setzt daher genau dort an: Wenn sich die Natur bei steigendem Wirtschaftswachstum nicht erhalten lässt, geschweige denn erholen kann, muss eben der materielle Wohlstand sinken. Das kommt natürlich weniger gut an, weil man hier tatsächlich mit weniger zurechtkommen, also Verzicht üben müsste.

Die Schäden, die in der Umwelt bei der Herstellung oder Benutzung eines Produkts entstehen, sind in keiner ökonomischen Bilanz eingepreist. Das, was wir für ein Produkt bezahlen, entspricht also nicht dem, was das Produkt in Wirklichkeit kostet. Das ist im Prinzip ein buchhalterisches Vergehen und wird auch als solches immer wieder benannt, wenn es um die Kritik des Bruttoinlandsproduktes geht. Trotzdem bleibt diese Rechnungsweise eine bewährte Methode, um Dinge künstlich zu verbilligen. Man verlagert die Lasten, die durch die Produktion oder den Konsum einer Sache entstehen, einfach auf andere, die sich nicht wehren können, weil sie entweder keine Stimme haben oder keine Macht.

Nehmen wir einen Flug von Frankfurt nach New York und zurück. Je nachdem, wann man reist, sind die Tickets dafür schon für weniger als 300 Euro zu haben. In diesem Preis stecken, neben allen anderen Kosten, selbstverständlich auch die für das Kerosin, das nötig ist, um die Passagiere dorthin und wieder zurück zu bringen. Was es kostet, das Kohlendioxid, das bei diesem Flug anfällt, wieder aus der Erdatmosphäre zu entfernen, ist jedoch nicht im Preis inbegriffen. Die Fluggesellschaft schlägt diese Kosten nicht auf das Ticket auf, genauso wenig, wie das die Treibstofffirma tut, die der Fluggesellschaft das Kerosin geliefert hat. Einschließlich des Passagiers gehen alle wie selbstverständlich davon aus, dass die Erdatmosphäre die 3,5 Tonnen Kohlendioxid, die auf diesem Flug dabei pro Passagier entstehen, auch noch aufnehmen wird.

„Externe Kosten“ ist also eine ganz irre Bezeichnung. Extern von was denn eigentlich? Extern offenbar von dem, wofür wir uns zuständig fühlen. Wir haben die Atmosphäre zwar als Müllkippe benutzt und auf vielfältigste Weise unsere Treibhausgase darin verklappt, aber die Verantwortung, sie nun auch wieder zu entlasten, schieben wir vehement von uns. Den Preis dafür zahlen dann etwa Inselstaaten, die schlicht untergehen. Oder ärmere Menschen, die sich die Anpassung an den Klimawandel nicht leisten können: Sie sind nicht in der Lage, ihre Felder und Häuser nach Stürmen wieder aufzubauen, und können sich keinen Umzug in Gegenden leisten, die nicht überflutet werden. Auch unsere Kinder oder Enkel treffen wir damit. Sie werden in der Welt leben müssen, die wir ihnen hinterlassen haben.

Kombi-Abo der Blätter

»Wir leben über die Verhältnisse der anderen«

Diese Verantwortungsverweigerung nennt man Externalisierung. Der Soziologe Stephan Lessenich hat in seinem Buch „Neben uns die Sintflut“ erklärt, wie der Wohlstand der westlichen Welt zu weiten Teilen darauf beruht, dass wir seine wahren Kosten nicht selbst tragen, sondern anderen aufgehalst haben. Aber um genau so weitermachen zu können, interessieren wir uns für diese Tatsache nicht oder machen uns ganz bewusst blind dafür. Das ist es, was Stephan Lessenich Externalisierungsgesellschaft nennt. „Wir leben nicht über unsere Verhältnisse“, schreibt er, „wir leben über die Verhältnisse der anderen.“[3] Wir füttern unser Mastvieh in Deutschland mit Soja, das bei uns gar nicht wächst. Wir importieren es aus Südamerika, wo Regenwald und Grasland zerstört wird, um es in großem Stil anzubauen, während wir in Deutschland mehr Fleisch produzieren, als wir verbrauchen – weshalb wir es billig in Länder exportieren, deren Bauern wiederum ihr Fleisch nun schwerer absetzen können, wenn sie nicht ebenfalls auf billiges Soja setzen. Die Kostenvorteile, die sich durch den Schaden an einem Ort erzielen lassen, führen woanders zum nächsten Schaden – nur eben jeweils im Ausland. Ursachen und Wirkungen werden entkoppelt und über den Globus verteilt.

Ein anderes Beispiel ist der Bio-Sprit, mit dem Europa vor einigen Jahren die Klimabilanz seines Verkehrssektors verbessern wollte. Das Kohlendioxid, das beim Verbrennen von Bio-Sprit entsteht, kann nämlich von den Pflanzen wieder aufgenommen werden, die zu seiner Herstellung nötig sind. Theoretisch also ein nachhaltiger Kreislauf. Da die Treibstoffmengen, die Europa brauchte, jedoch deutlich größer waren, als Anbaufläche für Raps oder Sonnenblumen verfügbar war, musste Bio-Sprit aus anderen Teilen der Welt importiert werden. Sie ahnen, was kommt: In Südostasien wurden Regenwälder gerodet, um Palmöl-Plantagen anzulegen, die den europäischen Bedarf an Energiepflanzen decken sollten. Dass bei den dafür notwendigen Brandrodungen auch noch mal eine riesige Menge CO2 freigesetzt wird, die bisher in Wald und Boden gebunden war, nun ja, externalisieren wir lieber.

Und zum Glück bekommen wir hier davon nicht viel mit. Stolz vermelden wir eine stabile oder sogar zunehmende Waldfläche in Deutschland. Nur der Biodiversität dienen all diese Monokultur-Hektar leider nicht. Resilient gegen Klimawandel sind sie auch nicht, das haben wir in den letzten zwei heißen Sommern gemerkt. Trotzdem hören wir immer wieder, dass die Menschen in den armen Ländern lernen müssten, wie sie mit ihrer Umwelt besser umgehen.

»Trickle Down« beim Umweltschutz? Weit gefehlt!

Interessanterweise findet sich in der Wirtschaftswissenschaft auch dafür die Antwort im Wachstum. Die sogenannte „Kuznets-Kurve“ ist nach dem in Amerika lebenden Ökonomen Simon Smith Kuznets benannt. Sie beschreibt die Annahme, dass die Einkommensungleichheit in einer Gesellschaft bei einsetzendem Wirtschaftswachstum zuerst stark zunimmt, ab einem bestimmten Punkt aber wieder abnimmt. Die Kurve krümmt sich eindrucksvoll: Zuerst haben alle ähnlich viel, dann werden nur einige wenige reich, später dann fast alle.

Die sogenannte Trickle-Down-These wurde auf ökologische Nachhaltigkeit umgemünzt. Hier besagte sie, dass der Grad der Umweltverschmutzung in dem Maße sinkt, wie das Pro-Kopf-Einkommen steigt. Anders gesagt: Je reicher Gesellschaften werden, desto mehr Interesse haben sie an einer sauberen Umwelt und über desto mehr Mittel verfügen sie, sich um die dafür notwendige Infrastruktur zu kümmern. Ach so?

Wenn man sich allein die deutsche Mülltrennung ansieht, wirkt es zunächst tatsächlich so, als brauche es eine Menge Wohlstand, um sich eines der augenscheinlich effektivsten Recyclingsysteme der Welt leisten zu können. Laut Schätzungen lassen sich das die Verbraucher*innen pro Jahr etwa eine Milliarde Euro kosten. Nicht mitgerechnet die Zeit, die nötig ist, um das System so gewissenhaft zu befüllen, wie es die Menschen in Deutschland tun. Trotzdem ein Erfolgsmodell?

Nun ja. Zuerst einmal produzieren die Deutschen pro Kopf mehr Müll als fast alle anderen Europäer – mit Ausnahme der Dänen, Luxemburger und Zyprioten. Ihr Müll verbleibt jedoch nicht komplett im Land. Die Abfallwirtschaft ist in Deutschland eine Exportbranche. Laut einer Untersuchung der Universität Würzburg-Schweinfurt hat Deutschland im Jahr 2018 (in Tonnen gerechnet) mehr Müll ins Ausland ausgeführt als Maschinen. Von unseren Kunststoffabfällen geht ein Fünftel ins Ausland, zumeist nach Asien, wo Länder wie Malaysia, Indien oder Vietnam Teile davon wiederverwerten, der Rest landet auf Deponien, in den Flüssen oder im Meer. Jeden Tag kommen 175 kaputte Fernsehgeräte aus Deutschland in Afrika an, in Ghana, Nigeria oder Kamerun, wo sie ausgeschlachtet werden und alle nicht verkäuflichen Teile auf Müllkippen landen.[4]

Sie sehen: Wir leben gar nicht umweltschonender, nur weil wir wohlhabender sind. Im Gegenteil. Wir schützen unsere eigene Umwelt natürlich durch schärfere Regeln und bewirtschaften ein im internationalen Vergleich relativ weit entwickeltes Müllsystem. Aber wir fragen trotzdem herzlich wenig danach, ob die Bilanz denn stimmt. Wir lagern aus, was für uns unangenehm ist, und ein, was wir brauchen. Das gilt europaweit. Europa ist der Kontinent, der am stärksten davon abhängig ist, Landflächen anderer Länder zu nutzen. Zusammengefasst im sogenannten Land-Fußabdruck kommt die EU auf stolze 640 Millionen Hektar, die wir brauchen, um unseren Lebensstil zu ermöglichen. Das ist etwa eineinhalb Mal so viel wie die Fläche der EU mit ihren 28 Ländern. Ohne Großbritannien werden es ungefähr 80 Millionen weniger, Deutschland braucht ebenfalls so viel.[5] Dabei sind die Importeure, die Produkte dieser Landflächen einkaufen, in der Regel primär an günstigen Preisen interessiert und weniger daran, ob die Böden langfristig nachhaltige Erträge bringen. Unser Wohlstand und Reichtum, das heißt unsere privilegierte Stellung im Markt, gibt uns die Macht dazu.

Was brauchen wir unbedingt, wenn wir gut versorgt sein wollen?

Das alles meint Externalisierung. Pro Land gesehen, trifft die Kuznets-Kurve häufig insofern zu, als lokale Verschmutzungsphänomene etwa bei Wasser und Luft zurückgehen, wenn die Bevölkerung reicher wird. Ausgenommen natürlich die Fälle, in denen Abgaswerte manipuliert werden. Global gesehen – und die meisten Umweltprobleme, denen wir uns gegenübersehen, haben globale Reichweiten –, vernebelt diese Gleichung zwischen Reichtum und Umweltschutz jedoch die Sicht. Wir kommen also nicht umhin, mal direkt auf die Reduktion von Umweltverbrauch zu zielen und Bilanzen zu fordern, die bei dieser Zielerreichung helfen. Aber dann heißt es gleich, das wäre Verbot und Verzicht. Verzicht – schon allein das Wort bringt viele Menschen auf die Palme. Aber was heißt eigentlich genau Verzicht?

Ich kann ja nur auf etwas verzichten, das mir nach Lage der Dinge zusteht. Der Wohlstand, in dem die westliche Welt lebt und an dem sich viele Entwicklungsländer orientieren, hätte nach den Regeln der Nachhaltigkeit aber gar nicht erst entstehen dürfen.

So gesehen heißt Verzichten in reichen Ländern – mit panzerartigen Trucks zum Distinktionskonsum und Aufräumratgebern zum beherzten Wegschmeißen – eigentlich nicht mehr und nicht weniger, als darauf zu verzichten, den Planeten zu ruinieren, und dafür die Lebensgrundlagen in der Zukunft zu erhalten.

Fragen wir doch ruhig mal andersherum: Was zum Beispiel brauchen wir denn unbedingt, wenn wir gut versorgt sein wollen? Eigentlich bezeichnet Versorgungssicherheit, was es braucht, um grundlegende Bedürfnisse des Menschen – Nahrung, Trinkwasser, Behausung, Energie, Gesundheitsversorgung und Bildung – langfristig und sicher zu gewährleisten. Wie wir gesehen haben, ist unser Anspruch, was alles unter diese grundlegenden Bedürfnisse fällt, im vergangenen Jahrhundert immer weiter gestiegen, aber wirklich explodiert ist er seit einigen Jahrzehnten. Im Eifer des technologischen Fortschritts und der naturvergessenen Wirtschaftsindikatoren geriet dabei vollkommen aus dem Blick, dass es auch ein Versorgungsparadoxon gibt: Wenn alle Eltern immer danach streben, dass es ihre Kinder einmal besser haben sollen, und das mit immer mehr haben sollen verwechseln, dann haben es alle Kinder irgendwann einmal – weniger gut. Die Versorgungssicherheit auf einem begrenzten Planeten mit einer zunehmenden Anzahl Menschen kann nicht eine immer größere Menge an Konsum bedeuten.

Wenn die Gegner*innen des Verzichts also fragen, was bekommen wir dafür, wenn wir verzichten, was lindert den Schmerz, den wir durch diesen Verlust erleiden, dann lautet die Antwort: Wir investieren in Frieden und die Versorgungssicherheit von übermorgen. Denn stellen Sie sich mal vor, die afrikanischen, lateinamerikanischen und asiatischen Länder würden irgendwann darauf verzichten, ihre Rohstoffe und Landflächen weiter an uns zu exportieren und sie selber nutzen?

Bilanzen und Preise müssen korrigiert werden

Um das Versorgungsparadoxon aufzulösen, wäre der erste Schritt, Bilanzen zu korrigieren – und damit auch Preise. Für viele Produkte müssten diese sich dann so erhöhen, dass sie die wahren Kosten anzeigen, die bei ihrer Herstellung, dem Transport und der Entsorgung ihrer Überreste anfallen.

Die Bepreisung von Kohlendioxid ist ein Versuch, in diese Richtung zu gehen. Sie soll nicht nur Ihre Entscheidung als Konsument beeinflussen, sondern auch genau den Innovationen Kostenvorteile verschaffen, die helfen, CO2-freie Produkte zu entwickeln. Andersherum: Sie würde ökologische Schadschöpfung in der Preisgestaltung sichtbar machen – womit wir einer objektiveren Fassung von Wertschöpfung wieder näher kämen. Und dabei könnte ihr die digitale Technologierevolution auch mal unter die Arme greifen: CO2-Tracker oder digitale Marker für einzelne Rohstoffe und Produktteile könnten prima als Wegweiser dienen, damit der Markt eine bessere Chance hätte, Versorgungssicherheit auch langfristig zu gewährleisten.

Zwischen Mehr und Weniger einen klaren Kopf zu behalten, ist scheinbar nicht einfach. Schließlich sind wir gewohnt, dass uns immer mehr Dinge ständig zur Verfügung stehen. Das beste Symbol dafür ist das Smartphone: Musik, Filme, Wissen, Kontakte, Konsumgüter – alles über ein einziges Gerät, dessen Rechenleistung 120 Millionen Mal höher ist als die des Bordcomputers von Apollo 11, mit dem vor fünfzig Jahren die Mondlandung gelang.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat das in einem Vortrag den dauernden Drang zur „Weltreichweitenerweiterung“ genannt.[6] Unsere moderne Gesellschaft ist so eingerichtet, dass ihre Gegenwart stets versucht ist, ihre Vergangenheit zu übertrumpfen. Es herrscht ein steter Steigerungszwang, nicht nur im technologischen und wirtschaftlichen Bereich, auch im sozialen und sogar im räumlichen. Jede Mode, jeder Job, jede Freude, jeder Urlaub könnte morgen schon wieder von gestern sein. Und die Aufmerksamkeitsökonomie der ständigen Werbebotschaften, Nachrichten, Selbstdarstellungen und Informationswellen trägt verlässlich dazu bei, dass dieses Verfallsdatum sich immer schneller nähert.

Wir brauchen nicht mehr, sondern weniger

Hinzu kommt, dass uns ja nicht nur immer mehr Dinge und Möglichkeiten zur Verfügung stehen, sondern es gibt diese Dinge ja auch noch in immer mehr Variationen. Das ist einfach überfordernd, wie zwei amerikanische Psychologen vor einigen Jahren in einem Test bewiesen haben. Dazu stellten sie in einem kalifornischen Delikatessengeschäft zwei Probiertische auf und boten Marmeladen an – einmal sechs verschiedene Sorten und einmal 24. Wenig überraschend zog der Tisch mit der größeren Auswahl mehr Kund*innen an, am Ende aber hatten deutlich weniger von ihnen etwas gekauft als an dem Tisch mit nur sechs Sorten. Dort hatten sie zwar weniger Auswahl, aber es fiel ihnen offensichtlich leichter, eine Entscheidung zu treffen. Die Freude an Entscheidungen vermehrt sich eben nicht automatisch mit einer Vergrößerung der Auswahl. Der Psychologe Barry Schwartz nennt das „Paradox of Choice“, das Auswahl-Paradoxon.[7]

Aber es wird noch komplizierter. Fragen Sie sich doch mal, ob es Ihre Lebensqualität eigentlich wirklich verschlechtern würde, wenn Sie auf so einige Optionen und Käufe verzichteten? Dankenswerterweise gibt es auch dazu inzwischen zahlreiche weitere Studien, und sie haben alle eine eindeutige Nachricht: Immer mehr hilft nicht immer mehr. Immer mehr befriedigt nicht nur etwas in uns, es befeuert auch eine Sorge.

Denn das Förderband, mit dem wir Umwelt in Wohlstand umwandeln, wird ja nicht nur von unserem Wunsch nach mehr angetrieben. Es wird auch von unserer Angst vor weniger in Gang gehalten. Diese Angst, weniger zu haben, weniger als unsere Vorfahr*innen, weniger als unsere Nachbar*innen, weniger als Leute, zu denen wir gehören wollen, macht es so schwierig, zu teilen und zu verzichten. Und je stärker unsere Kultur die Idee von erfolgreichem Leben und Arbeiten mit immer mehr besitzen – und vor allem mehr als andere besitzen – gleichsetzt, umso schneller läuft das Band.

Der amerikanische Psychologe Tim Kasser hat untersucht, wie sich die Folgen einer ökonomisierten Kultur auf die Gesellschaft auswirken.[8] Er hat sich gefragt, wie sich unsere materialistische Orientierung auf unser Wohlbefinden und unser Selbstwertgefühl auswirken, und herausgefunden, dass Materialismus sowohl Ausdruck als auch Ursache von Unsicherheit und Unzufriedenheit ist. Das ist so, weil er primär die extrinsische – also von außen kommende – Motivation und Rückbestätigung von Menschen anspricht. Der Preis der Dinge oder das Ausmaß der Aufmerksamkeit (Ruhm, Likes, Clicks), die ich bekomme, spiegeln dann meinen Eigenwert wider. So wie Mariana Mazzucato das auch schon für Güter und Dienstleistungen festgestellt hat, geht mit dieser Werttheorie aber das Gespür dafür verloren, wer ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft ist. Und sollten wir unseren wichtigen Job oder das große Haus verlieren, oder finden unsere Follower*innen uns plötzlich doof, ist unser Selbstwert in Gefahr. Kein Wunder, dass Kasser herausgefunden hat, dass mit der wachsenden materiellen Orientierung auch die individuelle Anspannung und Unsicherheit sowie die Tendenz zu Depressionen wächst.

Das bestätigt auch der Jurist, Pädagoge und langjährige Präsident der Harvard-Universität Derek Bok in seiner Metastudie zu politischen Empfehlungen aus der Glücksforschung: „Die Erkenntnisse der Psychologen übermitteln die Warnung, dass die Ausrichtung darauf, reich zu werden, ein substantielles Risiko mit sich bringt, unglücklich und enttäuscht zu enden.“[9]

Konsumiere so, wie du dir wünschen würdest, dass alle es tun

Was würde der Utilitarist Jeremy Bentham dazu sagen?[10] Er würde sich die Haare raufen. Denn indem die Ökonom*innen den Utilitarismus auf stets steigenden Konsum reduzierten, haben sie eine Wachstumserzählung für natürlich und unendlich erklärt, die uns gar nicht immer glücklicher macht. Immer glücklicher? Das geht nämlich gar nicht.

Denn Menschen sind keine mechanischen, sondern biologische Systeme. Unser Gehirn erbringt ununterbrochen Anpassungsleistungen. Zu viele Glückshormone auf einmal könnte es gar nicht ertragen. Und zu viel Höchstleistung über einen längeren Zeitraum auch nicht. Lebendige Systeme wie Mensch und Natur brauchen einen regenerativen Umgang, damit sie florieren. Deshalb misst die Glücksforschung auch nicht mit stetig steigenden Hockeyschläger-Kurven, sondern mit Skalen von 1 bis 10.

Und trotzdem wurden Anreizsysteme, Organisationsstrukturen, politische Programme, Finanzmärkte und Indikatoren gebaut, die immer nur eines verfolgen: mehr. Und im Ergebnis wird es immer schwieriger, die Rahmenbedingungen dieser sehr speziellen Form von Unglück zu überwinden.

Dies ist der zweite Punkt, den Kasser herausgefunden hat: Materielle und soziale beziehungsweise umweltorientierte Werte verhalten sich den materialistischen Werten gegenüber wie auf einer Wippe. Wenn die einen zunehmen, nehmen die anderen ab. Wenn die Homo-oeconomicus-Perspektive Kultur und Struktur dominiert, dreht sich alles um Status, Macht und Geld. Gleichzeitig schwinden Mitgefühl, Großzügigkeit und Umweltbewusstsein, und die Frage nach dem Genug und dem Wohlergehen des Ganzen wird aus Theorie und Weltanschauung getilgt. Und wenn das Wir im Ich immer kleiner wird, entsteht auch ein gesamtgesellschaftliches Problem. Aber die gute Nachricht aus Kassers Forschung ist: Die Werte-Wippe funktioniert auch in die andere Richtung. Sobald die sozialen und ökologischen Werte höher im Kurs stehen, sinkt die Wichtigkeit der materiellen Werte. Und das Förderband kann langsamer werden. Der Verhaltensökonom Armin Falk von der Universität Bonn hat dafür einen kategorischen Imperativ in Zeiten des Klimawandels vorgeschlagen: Konsumiere so, wie du dir wünschen würdest, dass alle es tun.[11] Jetzt scheint es doch auf einmal ganz einfach, oder?

Wer weniger kauft, verlangsamt aber den Absatz von Produkten. Das bringt unter der heutigen Struktur des Investierens, Besteuerns und Refinanzierens eine Rezession mit sich. Deshalb sollten wir uns neben unserer Rolle als Konsument*innen auch auf die als Bürger*innen besinnen. Wir brauchen einen Politikwandel, der Nachhaltigkeit nicht als mögliches Nebenprodukt einer ökonomischen Wachstumsagenda behandelt, sondern direkt auf nachhaltiges Konsumieren, Produzieren und Investieren zielt. Sie wollen eine kurze und knackige Formel dafür? Die gibt es und sie lautet: Wachstum als Mittel, nicht als absoluter Zweck.

Also raus aus dem Easterlin-Paradox, dem Rebound-Effekt und dem Versorgungsparadox. Und rein in einen neuen Gesellschaftsvertrag für hohe Lebensqualität bei niedrigem ökologischem Fußabdruck. Das ist möglich. Wir müssen nur wollen.

Der Beitrag basiert auf „Unsere Welt neu denken“, dem jüngsten Buch der Autorin, das soeben im Ullstein Verlag erschienen ist.

[1] Mitte der 1970er Jahre veröffentlichte der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Richard Easterlin einen Aufsatz mit dem Titel „Verbessert wirtschaftliches Wachstum das menschliche Los?“. Darin verglich er die Wirtschaftsdaten von 19 verschiedenen Ländern aus einem Zeitraum von 25 Jahren und setzte sie in Beziehung zu Umfragen, die die Lebenszufriedenheit der Einwohner*innen untersuchten. Er stellte fest, dass ab einem gewissen durchschnittlichen Einkommen pro Kopf die durchschnittliche Zufriedenheit der Menschen nicht mehr anstieg, wenn sich das Einkommen weiter erhöhte. Dieser Widerspruch wird bis heute als „Easterlin-Paradox“ bezeichnet.

[2] Als Rebound wird der Effekt beschrieben, dass eine Steigerung der Effizienz zumeist nicht zu Einsparung von Ressourcen, sondern zu einem Anstieg des Verbrauchs führt, weil zu preiswerteren Bedingungen mehr Produkte hergestellt oder genutzt werden können und diese somit für mehr Menschen erschwinglich sind. Vgl. Tilman Santarius, Der Rebound-Effekt: Die Illusion des grünen Wachstums, in: „Blätter“, 12/2013, S. 67-74. – D. Red.

[3] Stefan Lessenich, Neben uns die Sintflut, München 2016, S. 196.

[4] Vgl. AEB, Deutsche Plastikmüllexporte gehen deutlich zurück, www.aeb.com, 2.10.2019 sowie: Christoph Schlautmann, Deutschland exportiert mehr Müll als Maschinen, www.handelsblatt.com, 2.10.2019.

[5] Vgl. Heinrich-Böll-Stiftung, Institute for Advanced Sustainability Studies, Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland und „Le Monde diplomatique“ (Hg.), Bodenatlas 2015: Daten und Fakten über Acker, Land und Erde, www.slu-boell.de.

[6] Vgl. auch Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit, Wien und Salzburg 2018.

[7] Barry Schwartz, Anleitung zur Unzufriedenheit, Berlin 2004.

[8] Tim Kasser, The High Price of Materialism, Cambridge 2002.

[9] Derek Curtis Bok, The Politics of Happiness: What Government Can Learn from the New Research on Well-Being, Princeton/New Jersey 2010, S. 15.

[10] Der Utilitarismus bietet einen ethischen Blickwinkel, der das gewählte Mittel durch das Ergebnis beurteilt: Solange sie immer mehr Menschen immer mehr Glück bringt, ist die Wirtschaftsform in Ordnung. Bentham selbst ging es in seiner „Einführung in die Prinzipien der Moral und Gesetzgebung“ von 1789 beim Glück noch um möglichst viele positive und möglichst wenig negative Empfindungen der Menschen. Ökonomen seiner Zeit haben die Messbarkeit des Glücks – oder der Utilitarität, also der Nützlichkeit – dann über Geldwerte hergestellt: Der Warenwert oder das Einkommen gibt den Nutzen an.

[11] Armin Falk, „Ich und das Klima“, in: „Die Zeit“, 21.11.2019.

Aktuelle Ausgabe September 2020

In der September-Ausgabe erkennt der Philosoph und »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas im Wiederaufbauplan der EU – 30 Jahre nach der Zäsur von 1989/90 – eine zweite Chance für die innerdeutsche wie auch für die europäische Einheit. Die Literaturwissenschaftlerin Sarah Churchwell beleuchtet die langen Linien des amerikanischen Faschismus – vom Ku-Klux-Klan bis zu Donald Trump. Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze plädiert angesichts des Handelskriegs zwischen China und den USA für eine neue globale Entspannungspolitik. Und die Islamwissenschaftlerin Alexandra Senfft portraitiert den Kampf der Frauen gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.

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