Ausgabe Juli 2022

Die Macht des Ressentiments

Wie die Finanzindustrie den autoritären Liberalismus stärkt

Wolkenkratzer in der City of London (IMAGO/Cavan Images)

Bild: Wolkenkratzer in der City of London (IMAGO/Cavan Images)

Wenn wir über die Verknüpfung von „Kapitalismus und Ressentiment“ sprechen – also über das, was Günther Anders „Affektmodellierung“ nennt – , dann ist zunächst daran zu erinnern, dass der Begriff des Kapitalismus, wie er sich seit Ende des 19. Jahrhunderts formiert, nicht einfach auf ein Wirtschaftssystem bezogen wurde. Er umfasst bei Max Weber oder Werner Sombart vielmehr ein Konglomerat aus heterogenen Bestandteilen, zu denen neben Produktionsweisen, Eigentumsverhältnissen, Geschäftspraktiken, Rechtssystemen und politischen Institutionen eben auch gewisse Mentalitäten gehören. Von der Wirtschaftsgeschichte bis hin zur Kritischen Theorie wurde die irrationale Rationalität kapitalistischer Gesellschaften in den Blick gerückt. Und vor diesem Hintergrund erscheint es bemerkenswert, wie bereits in der frühen Neuzeit ein Resonanzraum beschrieben wurde, in dem Marktprozesse und unternehmerische Betriebsamkeit mit der Formierung neuer Affektökonomien verknüpft waren.

So wurde die Gestalt eines ökonomischen Menschen nicht nur als kleine Insel der Rationalität vorgestellt, von der aus man – wie einst Robinson Crusoe – eine unübersichtliche Welt nach den Kriterien von Nutzen und Nachteil zu ordnen vermag. Vielmehr hat sich ein anthropologischer Umbruch vollzogen, mit der sich das gesellige Tier, das alte zoon politikon, zu einem wenig verträglichen Wesen wandelte.

Juli 2022

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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