Ausgabe Juli 2022

Macrons Schwäche, Mélenchons Dominanz

Jean-Luc Mélenchon beim Wahlabend der NUPES, 19.6.2022 (IMAGO/Le Pictorium)

Bild: Jean-Luc Mélenchon beim Wahlabend der NUPES, 19.6.2022 (IMAGO/Le Pictorium)

Es ist eine herbe Niederlage, mit der Emmanuel Macron in seine zweite Amtszeit startet – und eine beispiellose obendrein. Eigentlich gilt die Parlamentswahl in Frankreich als bloße Formsache: Seit sie ab 2002 im Nachgang der Präsidentschaftswahl über die Bühne geht, haben die Wähler dem frisch gekürten Staatsoberhaupt noch stets zu einer eigenen Mehrheit in der Nationalversammlung verholfen. Nicht so am 19. Juni: Das Macron-Bündnis Ensemble gewann mit 246 zwar die meisten Abgeordneten im 577köpfigen Parlament, verfehlte die absolute Mehrheit aber um nicht weniger als 43 Sitze. Ein bitterer Rekord für den Präsidenten: Seit Beginn der Fünften Republik 1958 musste noch keine Regierung mit einer derart kleinen relativen Mehrheit auskommen.

Verantwortlich dafür sind zwei höchst gegensätzliche Kräfte: der rechtsextreme Rassemblement National (RN) von Marine Le Pen, der mit 89 Sitzen völlig überraschend ein Rekordergebnis eingefahren hat, und das neu gegründete Linksbündnis „Neue Ökologische und Soziale Volksunion“ (Nupes) um seinen Frontmann Jean-Luc Mélenchon, das mit 142 Abgeordneten aus dem Stand zur zweitstärksten Kraft in der Nationalversammlung avancierte. Da die beiden Wahlsieger Macrons Politik ähnlich radikal, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, ablehnen, kann sich der Präsident allenfalls auf die stark dezimierten Konservativen und fraktionslose Abgeordnete stützen.

Juli 2022

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (11.00€)
Druckausgabe kaufen (11.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.

»10-Millionen-Schweiz«: Mauern gegen die Polykrise

von Cédric Wermuth

Am 14. Juni stimmt die Schweiz per Referendum über eine Initiative ab, die europaweit Schule machen könnte. Unter dem Titel »Keine 10-Millionen-Schweiz« verlangt die rechtsnationalistische Schweizerische Volkspartei die Einführung eines Bevölkerungsdeckels in der Verfassung.