Ausgabe März 2023

Der Prototyp des bundesdeutschen Intellektuellen

Walter Jens (IMAGO / imagebroker / Martin Storz)

Bild: Walter Jens (IMAGO / imagebroker / Martin Storz)

Der Intellektuelle hatte es in Deutschland nicht leicht, ja, er durfte lange nicht einmal so heißen. Der seit der Dreyfus-Affäre in Frankreich gebräuchliche Ausdruck war verpönt. Er klang zu sehr nach dem Erzfeind jenseits des Rheins, nach Kritikastertum, nach Revolution. Das Wahre, Schöne und Gute wurde hierzulande gegen die Asphaltliteraten und das Feuilleton ausgespielt, die hehre Kultur gegen einen modernen Zivilisationsbegriff – man denke nur an Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ aus dem Jahr 1918. In den weit verbreiteten Antiintellektualismus mischte sich dabei immer auch eine Prise Antisemitismus; bis heute hat sich daran wenig geändert. Der Historiker Dietz Bering nannte seine 1978 erschienene Monographie über „Die Intellektuellen“ im Untertitel nicht ohne Grund „Geschichte eines Schimpfwortes“. Lieber sprach man von Schriftstellern oder Gelehrten; die aber sollten sich bitte nicht zu sehr ins aktuelle Kampfgeschehen einmischen, sondern den Künsten oder ihren akademischen Nischen gewogen bleiben. So war es also bestellt, mindestens bis ins Jahr 1945 hinein. Nach dem Zivilisationsbruch gehörte es dann zu den wichtigen Aufgaben einer jüngeren Generation von Geistesmenschen, den öffentlichen Intellektuellen in der Bundesrepublik zu installieren, ihn vom Makel des Nestbeschmutzers oder Schlimmerem zu befreien.

»Blätter«-Ausgabe 3/2023

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (11.00€)
Druckausgabe kaufen (11.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema