Ausgabe April 2026

Zagreb im Jahrhundert der Extreme

Slobodan Šnajder: Engel des Verschwindens. Cover: Zsolnay

Bild: Slobodan Šnajder: Engel des Verschwindens. Cover: Zsolnay

Große Städte bringen große Romane hervor. Mit »Engel des Verschwindens« ist nun Zagreb endgültig auf dem Globus der Weltliteratur angekommen. Der Titel oszilliert zwischen Hegels »Furie des Verschwindens« und Benjamins »Engel der Geschichte«. Der studierte Philosoph Slobodan Šnajder, der sich zum prägenden jugoslawischen Dramatiker mit internationaler Ausstrahlung entwickelt hat, beginnt sein Buch mit einem Zitat des preußischen Schwabens Hegel: »Kein positives Werk noch Tat kann also die allgemeine Freiheit hervorbringen; es bleibt ihr nur das negative Tun; sie ist nur die Furie des Verschwindens.« Wer nach der Stelle in der »Phänomenologie des Geistes« im Kapitel über absolute Freiheit und dem Schrecken sucht, findet dort eine Romankonstellation. Das Allgemeine kann nach Hegel nur in einem Einzelnen zur Tat kommen, wodurch alle anderen Einzelnen von dem Einzelnen ausgeschlossen sind.

Die widerstrebenden Einzelnen, die sich in Šnajders Roman in einem zweistöckigen Mietshaus im Zentrum von Zagreb über Jahrzehnte zusammenfinden, reichen vom hochgebildeten Professor Gavranić über die übersinnlich veranlagte Frau Blavatsky und Mile Drenjak, einem faschistischen Ustascha der ersten Stunde, bis zum Dienstmädchen Anđa Berilo. Letztere erzählt mit dem Haus – wieder ein unwahrscheinlich-surrealer Erzähler im Werk Šnajders – ein Jahrhundert der Extreme am Beispiel von drei Jahren: 1941, 1945 und 1991.

»Blätter«-Ausgabe 4/2026

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