Thomas Assheuer: Faschismus als Endsieg der Evolution? Ernst Jünger als Stichwortgeber der Cyberlibertären, S. 51-61
Unter Trumps Anhängern sind völkische und ultralibertäre Ideen verbreitet. Der Journalist Thomas Assheuer untersucht, wie diese scheinbar widersprüchlichen Ideologien zusammenspielen und findet einen Schlüssel bei Ernst Jünger. Dieser sehe, wie Elon Musk, die Mensch-Maschine-Kopplung als Fluchtpunkt der Evolution. Was einst im europäischen Faschismus gescheitert sei, die Verknüpfung hypermoderner Technik und mystischer Rückbindung, versuche heute die extreme Rechte herbeizuführen.
Christa Wichterich: Antifeminismus und Pronatalismus: Bausteine für faschistische Biopolitiken, S. 63-68
Antifeministische und queerfeindliche Kräfte sind weltweit auf dem Vormarsch. Die Ursachen dafür liegen allerdings nicht allein im Schüren von Ressentiments, sondern auch in einer rassistisch konnotierten Biopolitik rechter Akteure, argumentiert die Soziologin Christa Wichterich. Durch die Steigerung der Geburtenraten „weißer“ Familien wollen Trump und Co. der demographischen Dezimierung „ihrer“ Gesellschaften entgegenwirken.
Christian Hartwig: Mit Überfluss aus der Krise? Zum Strategiekonflikt der US-Demokraten, S. 69-74
Der Bestseller „Abundance“ der Journalisten Ezra Klein und Derek Thompson spielt in der aktuellen Strategiedebatte der US-Demokraten eine bedeutende Rolle. Doch das Rezept der beiden Autoren greife zu kurz, meint der Autor Christian Hartwig. Ihre antibürokratische Utopie als Gegenentwurf zu Trump laufe Gefahr, Machtstrukturen auszublenden. Außerdem sei ihr Blick zu sehr auf die USA verengt, um international als Vorbild zu taugen.
Karl Schlögel: Von der Ukraine lernen: Verhaltenslehren des Widerstands, S. 75-82
Wer vor der militärischen Gefahr aus Russland warnt, dem wird oft „Russophobie“ unterstellt. Der Historiker Karl Schlögel, der sich seit seiner Jugend für russische Kultur begeistert, weist diesen Vorwurf in seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels von sich. Er beschreibt seine Forschungen zu Russland und der Ukraine und fordert, die Deutschen sollten von den Ukrainern lernen, Widerstand gegen Putins Dominanzstreben leisten und sich auf den Ernstfall vorbereiten.
Friederike Otto: Fossilistischer Kolonialismus. Wie Klimakrise und globale Ungerechtigkeit sich wechselseitig verstärken, S. 83-91
Schon das zweite Jahr in Folge ist die globale Mitteltemperatur 1,5 Grad wärmer als in vorindustriellen Zeiten, doch auch die COP 30 hat keine Trendwende in der Klimapolitik gebracht. Dabei vernichtet die Erderhitzung schon heute weltweit die Lebensgrundlagen vieler Menschen – allen voran jener, die ohnehin benachteiligt sind, so die Klimaforscherin Friederike Otto. Es gelte, die Klimakrise auch als Gerechtigkeitskrise zu begreifen – und die ihr zugrundeliegenden Machtstrukturen zu transformieren.
Tim Engartner und Daniel von Orloff: Mit der Bürgerbahn aus dem Bahndesaster. Wie das Vorbild Schweiz die Weichen richtig stellt, S. 93-102
Selbst Großbritannien, einst Vorreiter der Bahn-Privatisierung, setzt inzwischen auf einen Ausstieg aus dem wettbewerbsorientierten Personenverkehr. In der EU verhindern dies bisher die Wettbewerbsregeln, kritisieren die Sozialwissenschaftler Tim Engartner und Daniel von Orloff. Dabei könne die Deutsche Bahn ihre Krise nur mit einem gemeinwohlorientierten Umbau überwinden – wie das Vorbild Schweiz zeige.
Hannes Einsporn: Angriff auf die Schwächsten: Flüchtlingsschutz vor dem Kollaps, S. 103-108
Nie gab es so viele Flüchtlinge wie heute, doch 75 Jahre nach Gründung des UN-Flüchtlingshilfswerks nimmt weltweit die Bereitschaft rapide ab, dieser besonders vulnerablen Gruppe zu helfen. Die tiefe Krise des Schutzsystems sei nicht nur eine Folge der Antimigrationspolitik in den USA und Europa, sondern auch struktureller Mängel, analysiert der Politikwissenschaftler Hannes Einsporn. Ein zukunftsweisender Flüchtlingsschutz müsse effizienter organisiert sein – und für mehr legale Migrationswege sorgen.
Marcel Matthies: Denken heißt lebendig sein. Zu Hannah Arendts 50. Todestag, S. 109-113
Das Denken war für Hannah Arendt wie das Leben eine Tätigkeit, die ihr Ziel in sich selbst trägt. Der Literaturwissenschaftler Marcel Matthies beschreibt Arendts „Denken ohne Geländer“, das sich aus utopischen Hoffnungen speiste – im Bewusstsein, dass die Grundlagen dieser Hoffnungen durch Auschwitz irreversibel beschädigt worden waren. Dass das Böse eine Folge von Gedankenlosigkeit sei, wie Arendt an Adolf Eichmann zu zeigen versuchte, hält der Autor allerdings für einen Fehlschluss.