Ausgabe Oktober 2025

Kurzgefasst

Seyla Benhabib: Gaza und die Ära der Straflosigkeit. Ein Plädoyer für eine multinationale Konföderation, S. 51-55

Die internationale Gemeinschaft bleibt gegenüber den Kriegsverbrechen in Gaza weitgehend passiv. Das ungehemmte Agieren der israelischen Regierung sieht die Mitherausgeberin der „Blätter“, Seyla Benhabib, als ein Symptom des Aufstiegs einer autokratischen Internationale, die sich ganz von völkerrechtlichen Schranken befreien will.

Eva Illouz: Israel in der dekolonialen Matrix. Über die seltsame Nähe zwischen Linken und Islamisten, S. 56-64

In der unmittelbaren Reaktion auf das Massaker der islamistischen Terrororganisation Hamas vom 7. Oktober 2023 zeigten viele linke Aktivisten und Theoretikerinnen keinerlei Mitgefühl mit den jüdischen Opfern. Das, so die Soziologin Eva Illouz, erkläre sich aus einer bestimmten Interpretation postkolonialer Theorien und dem Erbe des sozialistischen Antiimperialismus. Die Linke müsse sich der Komplexität der Wirklichkeit stellen.

Wolfgang Kraushaar: Eine mörderische Sackgasse. 16 Thesen zum Gazakrieg und der deutschen Israelpolitik, S. 65-72

Nach der jüngsten Eskalation in Gaza bröckelt auch in der deutschen Politik die Unterstützung für Israel. Der Politologe Wolfgang Kraushaar analysiert die Zwickmühle zwischen berechtigter Israelsolidarität und der Verteidigung von Menschenrechten. Den Hauptverantwortlichen für die mörderische Sackgasse, in der sich der Nahostkonflikt befindet, sieht er in Netanjahu.

Anna Jikhareva: Ukraine: Überleben in Zeiten des Krieges, S. 73-77

Kurz nachdem Trump Putin in Alaska den roten Teppich ausgerollt hat, schlagen in ukrainischen Städten wieder russische Raketen und Drohnen ein. Die Journalistin Anna Jikhareva berichtet vom Alltag in dem Land und von Menschenrechtsaktivisten, die Selenskyj innenpolitisch scharf kritisieren, aber den Präsidenten im Verteidigungskrieg gegen Russland unterstützen.

Jan Eijking: 80 Jahre UNO: Auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit?, S. 79-84

Im 80. Jubiläumsjahr stürzte Trump die Vereinten Nationen mit dem Rückzug der USA aus diversen UN-Organisationen in eine dramatische Finanzkrise. Doch die folgenden Sparpläne lösen die strukturellen Probleme keineswegs, so der Politikwissenschaftler Jan Eijking. Es fehle an einer Vision, wie der Multilateralismus wieder gestärkt werden könnte.

Bernd Greiner: Hass und Hetze: Trumpismus mit und ohne Trump, S. 85-94

Das „MAGA-Movement“ hat seine Wurzeln in der Tea-Party-Bewegung. Viele der Einstellungen, aus denen Donald Trump heute politisches Kapital schlägt, fanden schon damals eine breite Anhängerschaft, so der Historiker Bernd Greiner. Darunter der Wille, ökonomische Bedrängnisse mit allen Mitteln in einen Kulturkrieg, vor allem gegen Einwanderer, umzudeuten. Zu befürchten sei daher, dass der Trumpismus auch ohne Trump überleben wird.

Andreas Fisahn: Vampirkapitalismus. Der Paradigmenwechsel des Donald Trump und das Ende des Neoliberalismus, S. 95-100

Ist der Neoliberalismus mit Donald Trump an sein Ende gelangt? Dem Rechtswissenschaftler Andreas Fisahn zufolge sind die USA in eine neue Phase des enthemmten Kapitalismus eingetreten, in der die strikte Unterscheidung zwischen Politik und Ökonomie verschwindet. In diesem „Vampirkapitalismus“ wird der Staat zur Beute von Einzelinteressen.

Johannes Geck: Rap als Ermächtigungsmusik. Der vielstimmige Chor des Antiliberalismus, S. 101-108

Kein anderes Genre beeinflusst die Jugendkultur in Deutschland so stark wie der Rap. Im vielstimmigen Chor der Szene identifiziert der Historiker Johannes Geck zahlreiche Antiliberalismen. Er zeigt, wie rechte, islamistische und linksradikale Rapper eine autoritäre Querfront bilden und so Menschenverachtung konsumierbar machen.

Rainer Forst und Klement Tockner: Im Visier der Autokraten: Vom Wert der Wissenschaftsfreiheit, S. 109-117

In Trumps USA werden Forschungsinstitute geschlossen und Mittel für Themen wie Diversität oder Klimawandel gestrichen. Doch die Wissenschaft wird nicht nur dort angegriffen, zeigen der Politikwissenschaftler Rainer Forst und der Gewässerökologe Klement Tockner. Wissenschaftsfreiheit müsse überall verteidigt werden – nicht nur als Recht der Forschenden, sondern auch als zentrale Grundlage rationaler, demokratischer Selbstbestimmung.

Andreas Knie: Alibi für die Autopolitik. Warum der öffentliche Verkehr nicht funktioniert, S. 119-124

Zur Entlastung von Städten und für den Klimaschutz ist ein Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs unverzichtbar. Wer aber nur mehr Geld für den ÖPNV fordert, so der Politikwissenschaftler Andreas Knie, übersieht, dass das Verkehrssystem in Deutschland grundsätzlich dysfunktional und innovationsfeindlich organisiert ist. Das gelte es zu ändern, um den Vorrang für das Auto endlich zu brechen.

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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