Ausgabe April 2026

Habermas’ Vermächtnis: Demokratie als Gespräch

Jürgen Habermas (IMAGO / Funke Foto Services)

Bild: Jürgen Habermas (IMAGO / Funke Foto Services)

Am 14. März 2026 ist Jürgen Habermas gestorben. Er wurde 96 Jahre alt. Vier Tage später jährte sich der 18. März, jenes Datum, das in der deutschen Geschichte wie eine Überschreibung liegt: zwei Ereignisse auf demselben Blatt, das eine durch das andere nicht ausgelöscht, sondern vertieft. 1848: die Barrikaden in Berlin, 1990: die erste freie Volkskammerwahl der DDR. Es ist eine Koinzidenz, die sich aufdrängt. Denn Habermas war, in einem sehr präzisen Sinne, der Philosoph des 18. März – auch wenn er dieses Datum nie so genannt hat. Er war der Denker der demokratischen Vernunft als eines unabgeschlossenen Prozesses.

Es gibt eine Passage in der »Theorie des kommunikativen Handelns«, Habermas’ Hauptwerk, die sich wie eine philosophische Übersetzung der Barrikaden von 1848 liest. Habermas unterscheidet dort zwischen zwei Typen menschlichen Handelns: dem strategischen, das den Anderen als Mittel zum Zweck behandelt, und dem kommunikativen, das auf Verständigung zielt. Demokratie, so ließe sich sein Lebenswerk in einem Satz zusammenfassen, ist die politische Institutionalisierung des kommunikativen Handelns. Sie ist der Versuch, Macht nicht durch Gewalt oder Tradition zu legitimieren, sondern durch Argumente – durch den eigentümlichen Zwang des besseren Grundes.

»Blätter«-Ausgabe 4/2026

Sie haben etwa 16% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 84% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (12.00€)
Druckausgabe kaufen (12.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema