1. Paul Rohrbachs "Orangentheorie" scheint nach acht Jahrzehnten Wirklichkeit geworden zu sein, sein Traum vom Zerlegen des osteuropäischen Großreichs "wie eine Orange", um die Vorherrschaft des Deutschen Reichs in jenen Territorien zu sichern. Als "Dekompositions"-Perspektive wurde sie im Ersten Weltkrieg Teil der offiziellen Außenpolitik und im Vertrag von Brest-Litowsk vom März 1918 von der Ostsee bis zum Kaspischen Meer für wenige Monate in brutaler Perfektion realisiert. Ja, sogar der Traum Hugenbergs, welcher im Gefolge Paul Rohrbachs und jener Außenpolitik im Sommer 1933 auf der Weltwirtschaftskonferenz in London die Loslösung der Ukraine von der Sowjetunion forderte (was selbst der Regierung Hitler damals als so unklug erschien, daß sie Hugenberg umstandslos als Reichswirtschaftsminister ablöste), scheint nunmehr Realität zu werden. Beides freilich geschieht unter wesentlich anderen Bedingungen als vor 60 oder 80 Jahren: a) Die Staaten der bisherigen Sowjetunion haben eine relative Industrialisierung, d.h. die Entwicklung weit höherer Produktivkräfte geleistet, als es seinerzeit der Fall war. b) Sie haben eine Staatsgewalt hervorgebracht, die im Hinblick auf äußere Macht- und Zerstörungsmittel auf dem höchsten Niveau hegt.
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.