Ausgabe Mai 1993

In der Geiselhaft der Milizen

Eine bosnische Kritik des Vance-Owen-Plans

Die Geschichte Bosnien-Herzegowinas, seine geopolitische Lage im Herzen Jugoslawiens und seine nationale Zusammensetzung bieten mehr als ausreichende Erklärungen für die Eigenarten dieser Region. Bosnien-Herzegowina war die einzige der - mit Slowenien, Kroatien, Serbien, Montenegro und Mazedonien - sechs Republiken der titoistischen Föderation, in der keine Nationalität die Bevölkerungsmehrheit stellte. Seine Multiethnizität, sein plurikultureller Charakter, seine Multikonfessionalität, die Verzahnung seiner konstituierenden Völker - 43,7% Muslime, 31,3% Serben und 17,3% Kroaten - haben ihm den Vergleich mit einem "Leopardenfell" (siehe Karte) und die Definition als ein Jugoslawien im kleinen eingetragen 1).

Konnte man das "Miniatur-Jugoslawien" vor dem kriegerischen ultranationalistischen Wahnsinn bewahren, der über die ganze Föderation hereinbrach: Mit der Empfehlung, sofort Maßnahmen durchzuführen und Institutionen aufzubauen, die der entwickelten Welt eigen sind (Referendum, Wahlen usw.), hat die internationale Gemeinschaft die Bedingungen, die ihrer vollen Verwirklichung in Bosnien-Herzegowina nicht angemessen waren, vollständig vernachlässigt: das Fehlen demokratischer Traditionen und Medien; der aggressive Charakter der serbischen und kroatischen Nationalismen und der ethnischen Parteien in Bosnien-Herzegowina selbst.

Mai 1993

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der europäische Flüchtlingsschutz: Eine Ruine

von Vanessa Barisch

Haftähnliche Unterbringung, fehlender Rechtsschutz während des Asylverfahrens und die Legalisierung von Pushbacks, das sind die Merkmale, die ab Juni den Umgang mit Flüchtlingen in der EU prägen werden. Bis dahin sollen die EU-Staaten die schon 2024 beschlossene Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems umgesetzt haben.